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Träumen vom Paradies

Günter Werno, Andy Kuntz, Stephan Lill, Johannes Reitmeier: Last Paradise Lost

MusiktheaterPremiere:  (UA)   Theater: Pfalztheater Kaiserslautern
Regie: Johannes Reitmeier  Musikalische Leitung: Günter Werno   Foto: Hans-Jürgen Brehm-Seufert 
Von Andreas Falentin am 02.10.2021

Ganz am Schluss berühren sich Adam und Eva an den Händen, tastend, zart, obwohl sie vorher auch schon aufeinander gelegen haben. Jetzt haben aber auch die Guten und die Bösen, die Schwarzen und die Weißen, Satan und der Erzengel Waffenstillstand geschlossen. Und alle gemeinsam singen von der Hoffnung, das verlorene Paradies noch einmal, vielleicht ein letztes Mal zurückgewinnen zu können. Das hebt unsere Herzen im Publikum. Und ist der einzige Gegenwartsbezug weit und breit.

Blankverse und Rocksongs

Was natürlich nicht verwundern kann. Denn in John Miltons 1667 erschienenem Riesenepos „Paradise Lost“, das Namenspatron und Vorlage dieses Abends ist, geht es nun mal um den gefallenen Engel Luzifer, der als Satan Rache an Gott üben will und dabei, fast als Kollateralschaden, für die Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies sorgt. Was alles, wenn überhaupt, sehr lange her ist. Der Keyboarder Günter Werno, der Gitarrist Stephan Lill und ihre besonders in Frankreich renommierte Band Vanden Plas haben die Musik geschrieben, deren in Kaiserslautern geborener Lead-Sänger Andy Kuntz und Regisseur Johannes Reitmeier zeichnen für das Libretto verantwortlich. In das es – vermutlich – nicht einer von Miltons 10565 Versen geschafft hat. Denn der Engländer kultivierte damals, sehr zur Verwunderung seiner Zeitgenossen, den Blankvers, schrieb also in fünfhebigen Jamben. Die gibt es jetzt in Kaiserslautern nicht. Und muss es auch nicht. Wir hören Daktylen, Trochäen und angenehm Unregelmäßiges. Und alles ist auf Englisch. Denn „Last Paradise Lost“ ist eine Rockoper.

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Rockoper? Was ist das nochmal? Wir denken sofort an „Tommy“ von The Who und an „Jesus Christ Superstar“ von Andrew Lloyd Webber, beides auch etliche Jahre alt, aber nach wie vor erfolgreich. Und Anklänge an diese beiden Ikonenwerke gibt es durchaus in „Last Paradise Lost“. Eine Rockoper ist im Prinzip ein Musical ohne Dialoge, man braucht also eine klare oder bekannte Geschichte und starke Figuren. Die Musik ist in der Regel näher bei Rock und Pop als bei der Klassik. Wenn sich beispielsweise in der Rockoper der Sologesang zum Ensemble weitet, entwickelt sich die musikalische Struktur meistens nicht, dafür verbreitert und vertieft sich der Klang, differenziert sich im Idealfall auch aus.

Solche Musik haben Günter Werno und Stephan Lill geschrieben, oft hymnisch im Ton, manchmal fast, als hätte Jim Steinman oder gar Phil Spector Barclay James Harvest produziert. Es gibt viele Anklänge an Rockmusik der 70er- und 80er-Jahre, dazu interessante Instrumentierungen, schöne Percussions- und Keyboard-Effekte und phasenweise eine hochinteressante Tempo-Dramaturgie.

Kitsch und Konflikte

Reitmeier und Kuntz haben aus Miltons Werk 24 Szenen gewonnen. Jede hat einen plausiblen, manchmal etwas schmalen dramatischen Konflikt, der, genau wie seine Lösung, über die Musik, die Bewegung von Einzelnen und Gruppen im Raum und die Bilder erzählt wird. Thomas Dörfler verwendet hierfür nur wenige Elemente, eine große, transparente Röhre für die Band und zwei kleine für Adam und Eva, dazu Vorhänge mit abstrakten und barocken Projektionen, ein paar Podeste und Seile, viel Nebel und die mal brachiale, mal wunderbar subtile Lichtsetzung von Manfred Wilking. Diese orientiert sich wie die Kostüme von Michael D. Zimmermann am Comic der 70er, an psychedelischer Motivik und vor allem am seit den 60ern progressiv Anhänger gewinnenden Fantasy-Kitsch. Das ergibt oft schöne Vintage-Effekte, ermüdet aber auch immer wieder.

Das Hauptproblem des Abends: Die Figuren tragen die Handlung nicht. Satan und der Engel, Dämonen und dienstbare Geister, Adam und Eva bleiben Typen. Weil sie von Milton als solche erfunden wurden, als Symbole mit Abstraktionspotenzial, und das Regieteam nichts dazugetan hat.

Musik und Liebe

Aber das Pfalztheater Kaiserslautern hat an diesem Abend zwei große Pfunde, mit denen sich trefflich wuchern lässt. Die musikalische Umsetzung geriet nahezu perfekt, gerade stilistisch in einer Homogenität, die dem Musical-Liebhaber den Mund offenstehen lässt. Acht Extrachoristen, zwölf Solorollen, zehn davon groß. Alle machen es großartig. Die Opernsänger und der Cast singen nicht Oper und die Musicalleute belten nicht nur auf Teufel kaum raus. Alle stufen die Musik dynamisch und beleben sie so und sie produzieren und platzieren ihre Töne natürlich, wo immer es möglich ist. Großartig die Präsenz von Satan Randy Diamond, die anhaltende Intensität von Andy Kuntz als Erzengel, die hemmungslose Energie der lokalen Musical-Legende Astrid Vosberg als Beelzebub, die stimmige Verschrobenheit von Edward R. Serban als Dämon Belial oder die himmlischen, immer geerdet servierten Töne von Monika Hügel als Engel Zephan. Und natürlich jugendfrisch, darstellungsstark, hochmusikalisch: Amber-Chiara Eul und Frank Kühfuß als Eva und Adam. Der ganzen musikalischen Gestaltung ist anzuhören, dass  Günter Werno am Dirigentenpult und Vanden Plas als Klangarchitekten schon öfter hier gearbeitet haben, was übrigens ausdrücklich das Ton- und Klangdesign miteinschließt, den man auch an großen Häusern keinesfalls klarer, wärmer und derart vollkommen störungsfrei bekommt.

Das zweite Pfund ist, ganz einfach und hier besonders gut zum Thema passend: die Liebe. Alle Beteiligten scheinen das, was sie in dieser Produktion tun, bei allen konstatierten Defiziten, sehr gerne zu tun. Und diese Freude springt über ins Publikum. Und aus dem Schachbrett-vollbesetzten Auditorium kommt Liebe zurück, besonders vom jüngsten Drittel des Publikums, das aus dem Rang jubelte.

Möglichkeiten, diese gleichermaßen merkwürdige wie bestrickende Produktion zu sehen, wird es außer in Kaiserslautern auch bei den Koproduktionspartnern in Münster und Innsbruck geben.

 

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