Foto: „Inventur“ von Philipp Löhle am Theater Regensburg mit Eileen von Hoyningen Huene, Katharina Solzbacher & Silke Heise. © Sylvain Guillot
Text:Tobias Hell, am 12. April 2026
Die Menschen zählen Bleistifte, die Androiden digitalisieren das Archiv: Das Auftragswerk „Inventur“ von Autor und Regisseur Philipp Löhle am Theater Regensburg versetzt einen stumpfsinnigen Büroalltag in kafkaeske Szenen – ein kurzweiliges dystopisches Gedankenexperiment.
Dystopien müssen nicht immer in der Zukunft spielen. Denn wenn man so in die Nachrichten blickt, könnte man manchmal durchaus das Gefühl bekommen, wir wären schon mittendrin. Und so wirkt auch der Prolog von Philipp Löhles jüngstem Einakter „Inventur“ gar nicht mal so futuristisch, wie man im ersten Moment vielleicht glauben könnte. Er erinnert vielmehr an die latent skurrile Pressekonferenz der amerikanischen First Lady, die jüngst an der Seite eines humanoiden Roboters für den Einsatz von KI in Schulen warb.
Am Theater Regensburg sind es nun gleich drei solcher Androiden, die versuchen, ein Archiv zu digitalisieren. Wobei die sogenannte künstliche „Intelligenz“ sich mehr als einmal schwertut, die handschriftlich hinterlassenen Informationen klar zu deuten und das Geschehene zu rekonstruieren.
Eintönige Routine eines Großkonzerns
Die eigentliche Handlung führt uns danach zurück in ein geradezu kafkaesk anmutendes Szenario. In einen nicht näher benannter Großkonzern, wo alles in eintöniger Routine seinen geregelten Gang geht. Wir begegnen zwei Angestellten, deren Aufgabe in erster Linie darin besteht, Büromaterial zu zählen und am Ende des Tages jene Zettel und Bleistifte nachzubestellen, die nach dem Zählen des Büromaterials geschreddert oder zu Tode gespitzt wurden. Ein nie endender Kreislauf des Räumens von A nach B und später wieder von B nach A. Mal farblich umsortiert, mal in andere Schachteln verpackt, aber stets mit dem ewig gleichen Ergebnis. Weshalb schon das Auftauchen einer nüchtern traurigen Blumenvase „zur Verbesserung des Arbeitsklimas“ von den Damen äußerst misstrauisch beäugt wird. Ebenso wie die Anlieferung eines dritten Schreibtisches für eine neue Mitarbeiterin, die das bürokratische Hamsterrad schließlich ins Schlingern bringt.
Trotz aller Stumpfsinnigkeit, präsentiert sich der von Philipp Löhle auch selbst inszenierte Text überraschend kurzweilig. Denn mit ihren nüchtern runtergebeteten Paragrafen, ziellosen Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und autoritären Strukturen steckt „Inventur“ irgendwo im Niemandsland zwischen Realsatire à la Loriot und den düsteren Vorahnungen des Netflix-Hits „Black Mirror“. Selbst, wenn es den retro-futuristischen Prolog, in dem die Schauspielerinnen mit monotoner Stimme und abgehackten Bewegungen über die Bühne schlurfen nicht unbedingt gebraucht hätte. Der sorgt zwar für ein paar schräge Wortwechsel, aber wirklich zu packen beginnt einen der Abend erst dann, wenn die drei Damen menschliche Charaktere vor sich haben, die sie formen dürfen.

„Inventur“ von Philipp Löhle am Theater Regensburg mit Silke Heise & Eileen von Hoyningen Huene. Foto: Sylvain Guillot
Fünfte Episode eines spartenübergreifenden Zyklus‘
So etwa Silke Heise als von Selbstzweifeln geplagte, aber durch und durch linientreue Clara. Oder die nicht minder nervöse Eileen von Hoyningen Huene, die als Laura die Vorzüge des grauen Alltags zu schätzen lernt. Immerhin garantieren die acht Bürostunden, dass einem die Defizite der eigenen Familie nicht rund um die Uhr auffallen. Allein die Blickwechsel zwischen ihren Schreibtischen sorgen da immer wieder für schmunzeln. Genau wie das plötzliche Auftauchen von Katharina Solzbacher, die als neue Kollegin kurz vor der Ziellinie Sand ins Getriebe bringt, nachdem sie ihren trockenen Humor zuvor bereits als gelangweilte Stimme aus dem Off zeigen durfte.
Spannend ist dieses dystopische Gedankenexperiment aber nicht zuletzt vor allem im Kontext der gesamten Regensburger Spielzeit. Handelt es sich bei „Inventur“ doch um die fünfte Episode eines spartenübergreifenden Zyklus‘, der sich in der auf der kleinen Bühne am Haidplatz mit Themen wie Altern und Erinnern ebenso auseinandersetzt, wie mit der Frage, wie die Arbeit unser Leben beeinflusst. Weshalb sich nicht nur in der kühlen Bühnenästhetik von Ausstatter Kristopher Kempf Anklänge an vorangegangene Stücke wie den „Tod eines Handlungsreisenden“ oder die Kammeroper „Lucidity“ finden.
Auch Philipp Löhle hat in seinem Auftragswerk für das Theater Regensburg Namen und Motive aus den ersten vier Premieren aufgegriffen und lässt für die abschließende Tanz-Produktion im Juni noch die eine oder andere Frage unbeantwortet im Raum stehen. Eine Taktik, die im Zeitalter des Binge-Watchings die neuen Sehgewohnheiten des Publikums clever vom Bildschirm auf die Bühne übersetzt. Und wer eine der ersten Folgen versäumt haben sollte, kann diese am Ende der Spielzeit beim großen „Haidplatz-Marathon“ nachholen. Dann nämlich werden alle sechs Produktionen noch einmal kompakt an jeweils zwei aufeinanderfolgenden Abenden zu erleben sein.