Knapp zwanzig Minuten nach ihrem Beginn wird die Aufführung durch Constanza Macras aufgrund einer Beamer-Panne unterbrochen und neu begonnen (– während der Kulturrevolution in China „galt … ein technischer Fehler oder ein Unfall auf der Bühne als konterrevolutionär“, verrät ein Blick in das Programmheft). Absichtlicher Premieren-Kunstgriff oder tatsächliches Fauxpas, das bleibt offen. Aber die Privatfotos einer ganzen Akrobatendynastie, welche nun immer wieder auf eine Wand projiziert werden, kontrastieren den staatlich anerzogenen fanatischen Ehrgeiz und den an Masochismus grenzenden absoluten Durchhaltegehorsam mit blumig-glückseligen Familiendarstellungen und sensationellen Erfolgsgeschichten. So wird gerade auch im überspitzt inszenierten Interview einer Macras-Tänzerin mit den drei jungen chinesischen Hauptdarstellerinnen der autobiografische Wahrheitsgehalt des Stücks deutlich: mit naiver Selbstverständlichkeit und mit viel falsch verstandenem Stolz berichten die kindlich verspielten, und nun ja, gut dressierten, Mädchen von ihren halsbrecherischen Leistungen. Begleitet von einem chinesisch-englischen Gesangduett über menschliches Leid – Peking-Oper trifft hier auf westliche Operntradition – üben zwei der drei Akrobatinnen das kontinuierliche Lächeln bei einer gefährlichen Rollschuhnummer. Verbunden durch ein Seil, Hals an Kopf, erhebt sich die jüngere der beiden Schlangenmenschinnen in die Lüfte. Der Zirkusknigge vieler Zuschauer funktioniert auch hier noch tadellos, bei jedem neuen Kunststück Ahs und Ohs sowie tosender Beifall.
Am Ende der Inszenierung steht die Frage nach dem (Mehr-)Wert von Kunst. Die Körper der Akrobatinnen werden dabei in einer lebensgefährlichen Schlussszene gleichzeitig als kostbares Objekt und austauschbares Konsumgut dargestellt. Ob sie alle eine Haftpflichtversicherung hätten, fragt eine der Tänzer das Publikum – die Künstler haben nämlich keine – und dann beginnt, ganz dicht am Bühnenrand, überwacht von zwei muskulösen Oben-Ohne-Tänzern, eine temporeiche fußgesteuerte Tisch- und Menschjonglage, mit der die chinesische Schreckensherrschaft das Publikum ganz unverblümt erreicht.
Fazit: Constanza Macras „The Ghosts“ ist eine intelligent inszenierte postmoderne Mischung und Überlagerung von tänzerischen, akrobatischen, schauspielerischen, musikalischen und fotografischen Elementen, welche die auch in westlichen Ländern zunehmende Selbstausbeutung von Künstlern und das Verständnis vom kunstschaffenden Menschen an sich choreographisch verhandelt und, bis auf einige wenige Längen, gekonnt umsetzt.
