Szene mit Joel Akllison und Katrin Gerstenberger als Adam und Eva auf den Fotos.

Über die, die ins Leben geworfen sind

Felix Weingartner, Lili Boulanger: Kain und Abel – Aus der Tiefe

Theater:Staatstheater Darmstadt, Premiere:28.03.2026Regie:Kerem HillelMusikalische Leitung:Daniel CarterKomponist(in):Felix Weingartner, Lili Boulanger

GMD Daniel Cohen kombinierte am Staatstheater Darmstadt „Kain und Abel“ von Felix Weingartner mit der Psalmvertonung „Du fond de l’abîme“ von Lili Boulanger. Musikalisch gelang dies grandios, szenisch blieben bei „Kain und Abel“ viele Fragen offen.

Den besten Einfall hat Regisseur Kerem Hillel in der letzten Szene: Der Opernchor performt in schwarzer Konzertkleidung, fast magisch, die Vertonung des Psalm 130 „Du fond de l’abîme“ (Aus der Tiefe) von Lili Boulanger. Die ganzen 25 Minuten, die das Stück dauert, suchen die Sänger:innen einander, suchen Rat und Trost. So werden Individuen zu einer Gemeinschaft. In der letzten Szene rücken sie zusammen, fassen sich an den Händen: Sie werden zu einer Masse. Und das hat etwas sehr Tröstliches. Gleichzeitig sehen wir Eva: Sie will nicht Teil der Gemeinschaft sein. Sie will Partnerschaft, sie will reden, sich austauschen, verstehen – und verschwindet im weißen Rauch hinter dem Chor, ins Sterben oder ins Vergessen? Auch das ist eine Wahrheit. 25 Minuten, eine sehr eigenständige Komponistinnenstimme und ein Regie-Coup.

Aber leider ging es eigentlich nicht um dieses Stück. Boulangers Psalm 130 war nur als Gegenbild oder Korrektiv geplant, damit eine Wasserscheide zwischen Romantik und Moderne entsteht. Das Werk wurde von 1914 bis 1917 komponiert; es geht um hilflose Menschen, die Gott anrufen, geschrieben von einer sehr kranken Frau, die 1918 im Alter von 24 Jahren starb, ohne ihren Psalm 130 zu hören. Das zweite Werk des Abends, „Kain und Abel“ des Darmstädter Generalmusikdirektors Felix Weingartner (1863-1942), 1914 uraufgeführt, ist ein Erfolgswerk, das nur durch den Ersten Weltkrieg keine internationale Karriere machte. Es ist eine Entdeckung des aktuellen GMD Daniel Cohen und wird erstmals nach dem Ersten Weltkrieg aufgeführt.

Im Wartesaal

Doch Weingartners Komponistenstimme hat Kerem Hillel nicht eingefangen. Nicht, weil es nichts zu hören gäbe. Der Komponist hat natürlich viel Wagner gehört: Wenn von einem „Zwillingspaar“ die Rede ist, denkt man sofort an die „Walküre“, wenn Adam eine Geschichte singt, klingt er ein wenig wie Amfortas in „Parsifal“. Es gibt tatsächlich viele Wagner-Ähnlichkeiten, aber auch Neues, etwa Dissonantes in Abels Monolog, absichtsvoll Hässliches bei Kain, Fetziges wie das „Brüdermotiv“. Und eine wirkungsvolle musikalische Dramaturgie, die das kammermusikalische, von Monologen durchzogene Geschehen geschickt zusammenhält – durch Motive und andere Strukturen.

Aber Hillel erzählt nicht, worum es inhaltlich geht. Wir erblicken die Figuren in einem Wartesaal (Bühne: Sarah Wolters), wo sie – Adam und Eva sind grauhaarig – offensichtlich die Geschehnisse aus zeitlicher Ferne betrachten. Immer wieder, sozusagen in ihrer furchtbaren Vergangenheit festhängend, von ihren Kindern als Stichwortgebern umringt. Bei Weingartner, der nicht der Bibel folgt, sondern grob Lord Byrons Theaterstück „Cain“, sind es drei Kinder: Abel und Ada sind Zwillinge und Kinder von Adams erster Frau Lilith. Kain ist Evas Kind, er hat Ada vergewaltigt und zu seiner Frau gemacht. Abel hat sich nicht gewehrt.

Stumpfe Handlung

So ist also Kains Wut nicht auf Gott zurückzuführen – Gott spielt hier keine Rolle –, sondern auf eine gefühlte Benachteiligung. Kain ist hier der zweite Sohn, der erste hat eine andere Mutter und einen Vater, der ihn nicht liebt. Das Libretto legt nahe, dass er dadurch schon bevorteilt ist. Das ist ein Schwachpunkt dieses Werkes: dass durch dumpfe Vererbungstheorien hier rassistisches Gedankengut gesponnen wird – worauf im Übrigen auch im Programmheft hingewiesen wird.

Indem der Gang der Ereignisse als bekannt vorausgesetzt wird, gibt es keine Spannung mehr. Fotos werden ins Bild geschoben und wollen Akzente setzen, aber die Handlung bleibt stumpf, weil nicht im Moment gelebt wird, sondern aus der Erinnerung. Sogar der Mord ist kein Schock mehr. Dazu ist der Wartesaal zu realistisch eingerichtet, etwa mit einem Wasserspender, den alle einmal benutzen, um sich zu bewegen. Und die Figuren sind heutig – und zu beliebig – gekleidet (Kostüme: Juliane Längin).

Szene aus dem Psalm 130 von Lili Boulanger mit Katrin Gerstenberger als Eva und dem Chor.

Katrin Gerstenberger (Eva, M.) und der Chor in Lili Boulangers Psalm 130. Foto: Nils Heck

Eigenwillige Figuren, Jugendstilmetaphern

Nur die eigenwilligen Figuren berühren: Adam, der nur in der Vergangenheit lebt. Eva, die sich ausschließlich der Gegenwart widmet. Abel, der Erlebnisse in der Zukunft sucht und so Ada wiedertrifft, die den Tod fürchtet und Schönheit verehrt. Und eben Kain, der hasst. Wie könnte die Atmosphäre zwischen diesen fünf Figuren sein, wenn sie sich tatsächlich begegneten? Die Sänger:innen zeigen das durchaus: Katrin Gerstenberger mit sehr direkt geführtem Mezzosopran als Eva, Megan Marie Hart als Ada mit sehr schönem Sopran, der fast wie bei Richard Strauss geführt wird, in leuchtenden Bögen. Und Heiko Börner, der seinen dunklen Heldentenor fast als Kains Waffe einsetzt, sind starke Persönlichkeiten. Joel Allison (Adam) und David Pichlmaier (Abel) artikulieren weicher und sehr wortverständlich, mit mehr Lyrik als Urgewalt, aber auch sie werden Weingartners Jugendstilmetaphern über Fruchtbarkeit und Schönheit mühelos gerecht.

Vielleicht müssen wir die alte Komponistenstimme von Felix Weingartner noch einmal hören. Er hat nicht die Frische von Lili Boulanger, aber vielleicht trotzdem genug Kraft, genug Eigenes für das 21. Jahrhundert – wenn man seine Figuren dramaturgisch wirklich aufeinanderprallen lässt. Auf jeden Fall war die Entdeckung für die Theaterbühne eine große Leistung von GMD Daniel Cohen, der die Musik hörbar gemacht hat – vom Staatsorchester Darmstadt gespielt sowie gesungen vom Opernchor und Extrachor des Staatstheaters (Einstudierung: Guillaume Fauchère).