Mutig geht’s dem unvorhersehbar reagierenden Gegenüber entgegen, aus gesuchter wird gefundene körperliche Nähe: angrabschen, abtasten, anschmiegen, Händchenhalten. In zittriger Erregung erleben Herr und Frau Frankenstein sogar eine Art sexueller Interaktion. Auch erste Brabbellaute, Stöhn- und Lachäußerungen sind vernehmbar. Wenn dann mit Spielzeug aus dem Ersatzteillager der Schaufensterpuppen agiert wird, ist schnell allen klar: Mit Puppen kann man nicht tanzen, mit einem Torso nicht kuscheln, Streicheleinheiten von einer Plastikhand erzeugen kein prickelndes Erigieren der Gänsehaut. Dann schnell noch prächtigen Showtanz für ein imaginäres Charthit-Video toben, bis der Herr und Meister seinen Bewegungsgeschöpfen den Strom, also die Musik abdreht. Durchgeschwitzt sinken sie zu Boden, in Erwartung eines neuen Erweckungserlebnisses.
Noch deutlicher wird das Ideal vollkommener Beherrschung vollkommener Bewegungen in „Creatures of comfort“ des Oldenburger Choreografen Felix Berner. Seine Kreaturen finden nicht zum Pas de deux, sind nur fahrig redundant mit sich selbst beschäftigt, während sie auf Berners hektisch getaktete Überreizung mit Licht- und Musikimpulsen reagieren. Panisch gen Bühnenhimmel reckend, am Boden embryonal zusammenschnurrend. Natürlich sollen wir technisch hochgerüstete Junkies assoziieren, die am Nachrichtenstrom ihrer Online-Medien hängen. Schließlich werden digital animierten Pendants des Tanzduos in 3-D-Gitternetz-Gestalt projiziert. Diese können sich auch mal anfassen, umarmen. Und das präsentieren, was auf Tanzbühnen heutzutage verschwunden scheint: präzis synchrone Bewegungsfolgen. Anschließend erklärt der für die Videos verantwortliche Medienkünstler Steven Thanh Wong sein Software-Projekt zum Choreografieren, um körperliche wie musikalische Bewegungen am Computer zu komponieren. Frage: „Lassen sich das Arbeiten mit animierten Tanzavataren und die tanzkünstlerische Praxis verknüpfen?“ Antwort: In der kreativen Findungsphase und im Probenprozess sicherlich, Tanzkunst aber nur auf Bildschirmen/Leinwänden zu betrachten, ist genauso öde wie Abenteuer in Computerspielen und Realität im „Sims“-Design zu erleben. Daher: bitte mehr „human credit“ statt „edit“.
