Doppelte Titelfigur
Autorin Joanna Bednarczyk konzentriert sich in der Koproduktion mit dem Thalia Theater (die Hamburg-Premiere ist am 22. September) auf eine verkorkste Vater-Tochter-Beziehung: Iphigenie (Rosa Thormeyer) ist hier eine Pianistin, mit 21 Jahren auf dem Sprung zur Weltkarriere, Oda Thormeyer ist ihr Alter Ego, aus König Agamemnon wird ein erfolgreicher Universitätsprofessor (Sebastian Zimmler), Klytaimnestra ist eine stadtbekannte Schauspielerin, Christiane von Poelnitz verkörpert ihre Exaltiertheit mit Grandezza, aus Iphigenies Onkel Menelaos wird ein Top-Anwalt, den Stefan Stern etwas geckenhaft anlegt, dessen Gattin Helena wird von Lisa-Maria Sommerfeld als grandios durchgeknallte Schnalle in High Heels porträtiert. Die gutbürgerliche Familie hat ein dunkles Geheimnis: Der Onkel missbraucht seine Nichte seit zehn Jahren. Iphigenie zieht ihre Eltern ins Vertrauen, will den Onkel anklagen, den Missbrauch öffentlich machen. Die liebe Familie fürchtet aber den Skandal: „Mir ist schade um meine Karriere“, sagt der Vater und Mutter ergänzt: „Du willst doch nicht schief angesehen werden.“ Echt jetzt? Tatsächlich genügt hier so wenig, um die Tochter zum Schweigen zu bringen und in die Flucht zu schlagen.
Zunehmend verheddert sich der Bühnentext in eine antiquierte Opferverherrlichung und wenn dann noch Originalzitate eingestrickt werden, passt dramaturgisch hinten und vorne nichts mehr zusammen, das Stück zerfranst. Regisseurin Marciniak spart nicht mit Regieeinfällen – es gibt dramatische Lichtstimmungen und Schattenspiele, die Bühne ist knöcheltief unter Wasser gesetzt, die Schauspieler klatschen bäuchlings ins Nass, dann lodert auch noch Feuer im Klavier auf. Trotz aller kunsthandwerklichen Bemühungen werden bestenfalls Schlaglichter auf ein Drama geworfen, das Drama selbst wird verfehlt.
