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Spielarten der Sünde

Sieben Autorinnen: Die neuen Todsünden

SchauspielPremiere:  (UA)   Theater: Badisches Staatstheater Karlsruhe / Stadsteater Uppsala / Théâtre National du Luxembourg
Regie: Anna Bergmann   Foto: Thorsten Wulff   
Fotogalerie und weiterführende Informationen zur Inszenierung
Von Björn Hayer am 04.10.2020

Übles droht der Welt, wenn sie weiterhin der Dekadenz frönt. So könnte man die Grundaussage eines spektakulären Abends am Badischen Staatstheater zusammenfassen, das sich an Mahatma Gandhis 1925 ausgerufenen „neuen Todsünden“ abarbeitet. Was sich hinter Schlagwörtern wie „Politik ohne Prinzipien“ oder „Wissenschaft ohne Menschlichkeit“ verbirgt, ist nicht mehr und nicht weniger als eine scharfzüngige Anklage einer spätmodernen, ihres moralischen Kompasses abhanden gekommenen Gesellschaft. Inszeniert hat das opulente Werk, bestehend aus sieben Kurzdramen namhafter Gegenwartsdramatikerinnen aus mehreren Nationen, die Karlsruher Schauspieldirektorin Anna Bergmann.

Metaphorische Wucht und präzise Zuspitzung bilden die Signatur ihrer Realisierungen. Besonders anschaulich wird ihr gekonnter Zugriff in der Miniatur „Fisch im Limbus“ aus der Feder Elise Schmits. Wir werden eines Discounters der Zukunft gewahr. Während sich im Vordergrund eine Balletttänzerin (Désirée Ballantyne) mit überdimensionalen Fischlippen auf dem Boden windet, preist ein Verkäufer (Vazgen Gazaryan) hinter einer sterilen Theke mit laborähnlichen Gefäßen neue Proteinquellen und den letzten Silbersaibling an. Bald entsteht zwischen den beiden Konsumentinnen mit Einkaufswägen voller Plastik ein herber Kampf um das begehrte Exemplar, das vor allem eines ist: Ausweis eines die Artenvielfalt und die natürlichen Ressourcen bedrohenden Kapitalismus. Um das künstliche Setting einer entfremdeten Konsumkultur zu unterstreichen, lässt Bergmann den Text durch Operngesang vortragen. Der ariose, pathetische Gestus bleibt nicht frei von Ironie, geht er doch zuletzt über in ein Sinatrisches „My Way“ des Einzelhändlers. Gleichzeitig sind auf den riesigen Seitenbildschirmen der Bühne perverse Aufnahmen der Massenfischerei zu sehen. Allein dass die Regisseurin ein bislang von der aktuellen Bühnenkunst sträflich vernachlässigtes Gesellschaftsthema in den Blick nimmt, nämlich das Leid der Tiere, stellt eine beachtliche, überdies treffend dargebotene Innovation dar. 

Indem Bergmann jeder Miniatur einen neuen ästhetischen Charakter zueignet, kann sie eine fast vierstündige Spannung aufrechterhalten. Im ersten Stück, Angeliki Darlasis „Ein Nichts“, wählt sie an einer Stelle, unterlegt mit klassischer Musik und Rotlicht, das Verfahren der Zeitlupe, damit sie die genaue Dramaturgie der skrupellosen Selbstinszenierung einer Politikerin aufzeigen kann. Die Überleitung zu Larisa Fabers „340x“ wird unterdessen mit Schostakowitschs „2. Walzer“ hergestellt – eine durch und durch passende Entscheidung, deutet doch allein schon die melodische Reigenstruktur die ewige Wiederkehr der Kindesmisshandlung als zentralem Sujet des Textes an.

Besonders hervorzuheben ist noch das Arrangement zu Maryam Zarees Text „Deutsche Küche“. Hierin begibt sich eine Reporterin (Lucie Emons) auf Spurensuche. In einem Restaurant ist es zu einem handgreiflichen Konflikt zwischen einem migrantischen Küchenarbeiter und dessen offensichtlich rechtsextremen Vorgesetzten gekommen. Und während in dem die gesamte Kulissenfläche einnehmenden Film der Besitzer des Restaurants (Heisam Abbas) schmutzige Wäsche rhetorisch reinzuwaschen versucht, kehrt die Journalistin auf der Bühne Aschehaufen zusammen. Es ist die Asche der Opfer des Naziterrors, die Asche, die nicht verschwinden will, die Asche vor einem Hotel, wo einst Deportierte wohnten und vor dem Hitlers Getreuen entschlossen defilierten, wie ein Einspieler dokumentiert.

In „Die neuen Todsünden“ stimmt nahezu jedes Bild. Bergmanns Zugriffe sind geprägt von Ingeniösität, Intelligenz und vor allem unverwechselbarer Klarheit. Motive wie die Kirche und das Messer ziehen sich als Mustersymbole für Ethik und Gewalt durch die Darbietung höchst heterogener und in ihrer Qualität mitunter stark differierender Dramen. Hierin liegt wohl auch der einzige Nachteil des Abends begründet. Mag sich die Regie immer wieder als Kraftwerk des Abends hervorzutun, gibt die literarische Grundlage auch nur Dürftiges her. Sivan Ben Yishais kritische Abrechnung mit Glauben und religiösem Eifer oder auch Teile von Angeliki Darlasis „Ein Nichts“ muten unausgegoren, bisweilen plump und sehr vorhersehbar an. Mit den Miniaturen von Marina Davydova, Maryam Zaree, Sivan Ben Yishai, Elise Schmit, Larisa Faber, Angeliki Darlasi und Liv Strömquist ist dem Badischen Staatstheater nichtsdestotrotz ein Opus magnum gelungen, dessen bildnerische Macht endlich wieder Zeichen der theatralen Intensität vor Corona zu erkennen gibt.

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