"Pünktchen trifft Anton"
Digitales,

Sozialromantik im Retro-Charme

Volker Ludwig: Pünktchen trifft Anton

Theater:Grips Theater, Premiere:26.11.2011 (UA)Vorlage:Pünktchen und AntonAutor(in) der Vorlage:Erich KästnerRegie:Frank Panhans

„Liebhaben heißt Zeit haben“, sagt Pünktchen zu ihrem Vater. Ihr geht es nicht gut, sie macht sich Sorgen. Worüber, das kann sie ihm nicht sagen. „Dafür kennen wir uns zu wenig.“ Das Berliner Grips-Theater streamt nun für eine Woche die Kästner-Adaption „Pünktchen trifft Anton“ von Volker Ludwig. 2011 hatte die Inszenierung von Frank Panhans Premiere. Aus dem Kästnerschen Kindermädchen ist im 21. Jahrhundert ein Au-Pair-Mädchen geworden, die einen Hauch von weite Welt und amerikanischen Slang in die Berliner Mischpoke bringt. Auch sonst hat Ludwig den Roman aus dem Jahr 1931 tagesaktuell angepasst, was nun schon wieder etwas aus der Zeit gefallen wirkt. So steht Pünktchens Charity-affine Mutter in regerem Kontakt zu Klaus Wowereit, Uli Honeneß, Angelina und Brad (damals noch Brangelina) als zu ihrer Tochter. Sie kämpft medienwirksam gegen den Hunger in der Welt und überlässt den von Pünktchen lieber dem Hauspersonal.

Die etwas bemühten Aktualisierungen wären gar nicht nötig gewesen, ist „Pünktchen und Anton“ doch eine zeitlose Geschichte von dem sozialen Riss in der Gesellschaft, von Wohlstandsverwahrlosung auf der einen und wirklicher Armut auf der anderen Seite. Die einen haben Geld, aber keine Zeit, die anderen Zeit, aber kein Geld. Volker Ludwig wäre nicht Volker Ludwig, wenn er seine Interpretation des Klassikers nicht mit gripsigen Songs wie „Du bist nicht da“ anreichern würde, die natürlich von einer Live-Band begleitet werden. „Ich lebe wie im Paradies/– Und trotzdem – geht’s mir mies“, singt Pünktchen da. „Wer Hunger hat, der denkt ich spinn/Weil ich nicht froh und glücklich bin/Doch das Gefühl: Ich bin allein/Kann schlimm wie Hunger sein.“

Die heimische Sofalandschaft oder die Großstadtkulisse werden einfach in den Hintergrund projiziert, davor haben Maria-Alice Bahra und Jan A. Schroeder eine Halfpipe-Landschaft aus Sperrholz für die Skatergang am Bahnhof Friedrichstraße gebaut. Da drohen sich die bösen Jungs mit „Ich mach dich Friedhof“ oder „Ich mach dich Müllkippe“. Das alles ist über lange Strecken liebenswert harmlos und nimmt sich selbst nicht allzu ernst. Die Aufzeichnung versprüht einen Retro-Charme, der sich vor Sozialromantik ebensowenig scheut wie vor einer simplen Moral von der Geschichte, die da lautet: Geld macht nicht glücklich, denn „Glück ist etwas, das man nicht kaufen kann“.

Trotzdem kommt dieses etwas altmodische Kindertheaterstück mit Musik und Tanz dem Geist Kästners doch recht nahe. Ludwig reichert den Roman mit aktuellen Themen an: Anton und seine Mutter sind ohne Aufenthaltsgenehmigung in Berlin, mal bricht ein ausländerfeindlicher Mob herein. Wie im echten Theater hört man die Kommentare der Kinder im Publikum. „Ist das ein Traum?“, fragt einer. „Nein, ein Alptraum!“, antwortet sein Sitznachbar. Nach einem turbulenten Finale mit Raubüberfall und natürlich Happy End ist zweierlei klar: Erich Kästners Geschichte hat von Freundschaft bis Action alles, was eine gute Geschichte für Kinder braucht. Und: Nichts muss bleiben, wie es ist! Die Welt ist so, wie wir sie machen. Auch heute.

Online bis 17.4.20.