Das „Wasser“-Ensemble in Dresden
Schauspiel,

So reden die Leute

Kathrin Röggla: Das Wasser

Theater:Staatsschauspiel Dresden, Premiere:07.04.2022 (UA)Regie:Jan Gehler

Es ist der Borkenkäfer. Nein, doch. Oder besser: die EU. Ja, mitunter. Aber am ehesten sind es doch die Medien, diese dämonischen! Nun, wer hat jetzt die Schuld am Klimawandel? In Kathrin Rögglas kraftvoll-schwarzhumorigem Drama „Das Wasser“ wirft man sich munter die Bälle zu. Richtigerweise müsste man bei der fulminanten Uraufführung am Schauspiel Dresden von Akten sprechen. Bevor einige aus dem Ensemble (u.a. Franziskus Claus, Marlene Reiter, Thomas Eisen und Christine Hoppe) die Flucht antreten, geben sie ihre Aktenordner einem Übriggebliebenen mit. Und der ist nicht einmal zuständig, soll er doch eigentlich nur Studien auswerten. Also wer war‘s? Dann eben ganz bestimmt die fünf großen Konzerne. Oder gar die Wissenschaftler? Während letztere und die Aktivisten Autobahnen verhindern, so schimpft der die Stammtischredner verkörpernde Chor der Darsteller, fehle es den kleinen Leuten an Ärzten oder der dringlichen Verkehrsanbindung. Man redet sich in Rage und bläst dabei Luftballons auf, bis allen auf einmal ein Loch in der schwarzen Mauer auffällt. Es offenbart das Meer, das die Schauspieler auf einmal magisch anzieht, dieser als Filmprojektion sichtbare, idyllisch anmutende Ozean.

 

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Ungelegener Gast

Als Sehnsuchtsgemälde mag er seinen Glanz noch haben. Doch die Flut, die urplötzlich alle erwischte, Wohnungen und unter Wasser setzte, kam als ungelegener Gast. Sie geht all den kurzweiligen, mit parodistischem Charme unterlegten Einzelszenen, in denen die Darsteller unterschiedliche Rollen annehmen, voraus. Fortan schwadronieren sie über Gründe für das Unglück, werden jedoch immer  wieder von einem anschwellenden Wellengeräusch unterbrochen. Dass die Erkenntnisse in der Gemeinschaft der Verdrängenden nur von mäßiger Qualität ausfallen, verdeutlichen Sätze wie: „Zum Klimawandel komme ich, wenn die Kinder groß sind“; „Nichts gegen Klimaschutz, aber stellen sie sich selber mal Windräder vors Haus“. Selbst als auf die Überschwemmung die gigantische Dürre folgt und die Protagonisten mit letzter Kraft die inzwischen in den Vordergrund geratene Bühnenwand nach hinten geschoben haben, fragen sich manche nur, wer am besten sterben könnte, um das Wachstum der Menschheit aufzuhalten. Natürlich die anderen. Wem das zu zynisch anmutet, dem sei gesagt: „So reden die Leute“.

Zuletzt treffen wir noch auf die „Fridays for Future“-Demonstranten und deren Eltern. Letztere treten in einer geradezu ikonischen Szene auf. Inzwischen dringt Nebel vom hinteren Kulissenraum. Dazwischen laufen die Schauspieler mit skurrilen Kostümen umher. Einer trägt Zweige auf dem Kopf, eine andere hat Grünpflanzen auf dem Rücken. Verkörpert wird hier wohl das Bioladen-Bürgertum, dessen Mitglieder nacheinander auf ihre bei einem Umweltprotest die Stimme erhebenden Nachkommen verweisen. Kapiert haben sie selbst aber wenig. Eine Mutter spricht zwar davon, sich verirrt zu haben. Allerdings meint sie damit nicht sinnbildlich ihr verfehltes, umweltschädigendes Verhalten. Nein, sie hat den Ausweg aus dem Ikea, der Tankstelle und dem Discounter zu spät gefunden. Wegweiser gäbe es eben nicht mehr, alle wiesen, wenn überhaupt, nur noch weg.

 

Starke Wahrhaftigkeit

Dass es an diesem Abend kongenial zum Krachen kommt, dass Widersprüche scheppernd kollidieren, verdankt sich zweierlei: zum einen dem mit sarkastischer Verve geschriebenen Text der Sprachzerstäuberin- und seziererin Kathrin Röggla, zum anderen der phänomenalen Regiehandschrift Jan Gehlers. Gerade weil er zahlreiche treffende Bilder für das Abstraktum Klimawandel und die komplexen Dialoge findet, gelingt diese Premiere mit großem Bravour. Auf der Folie der Geschichte von Jonas, der anfangs verantwortungsscheu in das Innere eines Wals gerät, vermag die Inszenierung stets die Gegensätze unseres öffentlichen Diskurses widerzuspiegeln, etwa zwischen eigenem und fremdem Versagen, zwischen vermeintlich noch heiler Gegenwart und apokalyptischer Zukunft, zwischen Alten und Jungen, zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Darüber wird viel geredet, viel sinniert. Am Ende steht eine schwangere Frau unter einem Ascheregen und mahnt all die Leugner, dass die Katastrophe längst keine Youtubeshow mehr ist. Wir erleben dabei einen Moment Wahrhaftigkeit in einer Aufführung, die mit bitterster Komik unsere falschen Illusionen und Lügen demaskiert. Hierzu gibt es nur ein Urteil: stark!