Seelisches Echolot
Alle Frauen sind schwarz gekleidet, sie tragen Kopfbedeckungen, die an traditionelle oder historische Trachten erinnern, denen man aber die Farbe ausgetrieben hat. Nur der Schmuck glänzt messingfarben und ist zum Teil aus Patronenhülsen gefertigt. Das Septett (Tayisiya Datsyk, Zoryana Dybovska, Anna Vasylchenko, Sofiya Leshyshak, Anastasiya Perets, Anastasiia Lysovska, Oksana Tsymbalist) sitzt wie ein matriarchalisches Erinnyen-Gericht auf bemalten Holzkisten. Begleitet von Violine, Akkordeon, Klavier und Percussion werden Traditionals mit Titeln wie „Auf den Wiesen steht ein Schneeballstrauch“, „Der grüne Eichenbaum“ oder „Im Kirschgarten“ in meist heterophonem Satz gesungen. Alles sehr getragen und elegisch. Doch die dazu gezeigten Filmaufnahmen aus dem zerstörten Asow Stahlwerk in Mariupol und von bombardierten Wohnhäusern machen aus den Volksliedern mit ihren poetischen Naturbeschreibungen unversehens Trauergesänge. In ein a capella gesungenes Wiegenlied fährt sogar eine angeschlagene Klangschale wie eine Totenglocke hinein. Im Singen von Volksliedern steckt derzeit allerdings weit mehr als folkloristische Erbauung oder Melancholie: Kürzlich wurden zwei Frauen auf der Krim für das Singen ukrainischer Lieder von den russischen Besatzern mit hohen Geldstrafen und Haft belegt.
Zwischen den Liedern berichten die Frauen von ihren persönlichen Erfahrungen: Da ist die Geschichte der alleinerziehenden Mutter, die schon 2014 mit ihrem kleinen Sohn aus dem Donbass geflüchtet ist und die nun erneut überlegt, nach Polen zu flüchten. Da ist die Geschichte von der russischen Besatzung in Hostomel, vom tagelangem Warten im Keller, vom Leben ohne Wasser, von der Angst vor Vergewaltigung. Und da ist die Trauer über die brutale Überschreibung eigener Kindheitserlebnisse in Irpin, Bucha oder Hostomel durch die Massaker russischer Soldaten. Es sind erschütternde kurze Spots auf individuelle Erfahrungen des Krieges, zum Teil mit fast ohnmächtiger Wut erzählt. Sie kulminieren in der verzweifelten und empörten Anrufung zweier Instanzen: Zornig zitieren die Frauen Artikel 3 der Genfer Konvention, der vorschreibt, wie sich Kriegsparteien im Falle eines bewaffneten Konflikts zu verhalten haben. Und sie wenden sich an die religiöse Instanz mit einem Gebet „Oh Gott, schweige nicht angesichts …“. Die Antworten kennt man.
Auch wenn zwischendurch ein Witz über Lesha und seinen Militärdienst erzählt wird oder mit lautem Jubel neueste Erfolgsmeldungen wie die Teilzerstörung der Brücke auf die Krim aus dem Handy zitiert werden – am Ende dieses wilden Abends, der vom Schmerz, aber auch wütender Hoffnung und unbedingtem Durchhaltewillen kündet, steht nicht nur die völlige Absage an alle russische Kultur („Tschaikowsky, fick dich!“), sondern auch das herausgeschriene „Hoch auf die bewaffneten Kräfte der Ukraine“. Ja, der Abend ist verstörend, er ist parteiisch, er ist propagandistisch und er ist alles andere als political correct – aber das ist der Krieg auch nicht. Mitunter ist das Pathos dieser Rachegöttinnen zwischen Folklore-Seligkeit, Ukraine-Apotheose und Russenhass allerdings so dick aufgetragen, dass man auch Anklänge von Ironie wahrzunehmen meint. Nichtsdestrotz: „Imperium de-lendum est“ liefert ein realistisches Seismogramm der ukrainischen Gefühlslage. Auch das ist Europa im Jahr 2022.
