Szene aus "Imperium delendum est"
Schauspiel,

Seismogramm der ukrainischen Gefühle

Teatr Lesi Lwiw: Imperium delendum est – Lieder, Gedichte, Geständnisse, Flüche und ein Witz

Theater:Teatr Lesi Lwiw bei URBÄNG! Das Festival für performative Künste, Premiere:08.10.2022Regie:Dmytro Zakhozhenko

Es ist eine einfache Frage, die die Lyrikerin Kateryna Kalytko in ihrem Gedicht „Katechismus“ immer wieder ungläubig stellt: „Ist dies das Europa des Jahres 2022?“ Ein Europa, in dem Massenmord, Vergewaltigung, Zerstörung, Plünderung, Verstümmelung und Verschleppung ungestraft vollzogen werden? Das Gedicht wird neben anderen in der Produktion „Imperium delendum est“ (Das Imperium muss fallen) des Lesi Teatr aus Lwiw rezitiert. Ein Abend in ukrainischer Sprache, der zwischen Empowerment, Schmerz, Wut, Hass, Trauer und schlichter Propaganda changiert, wie man ihn seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen hat. Und in dem Sätze wie „Ich hasse die Russen!“, „Verpiss dich, Burjate (Mongole)!“ oder „Hoch lebe die Ukraine!“ völlig selbstverständlich mit aller Emphase ausgesprochen werden. Das ist Europa im Jahr 2022.

In Lwiw gibt es mehrere städtische Theater und das Lesi Teatr ist eines davon. Am 24. Februar hat es seinen Betrieb eingestellt. Dort Theater zu spielen, schien undenkbar in Kriegszeiten. Die Mitarbeiter:innen boten Flüchtlingen ihre Hilfe an, nutzen den Keller unter dem Theater als Bunker, boten Erste Hilfe-Kurse an. Im Juni hat sich das Theater dann entschlossen, wieder künstlerisch zu arbeiten und brachte mit „Imperium delendum est“ einen Abend heraus, den man als seelisches Echolot beschreiben kann. Auf der Bühne stehen sieben Performerinnen – schon dies ist eine Notwendigkeit, kein feministisches oder ästhetisches Statement. Denn die männlichen Kollegen wurden größtenteils in die Armee eingezogen und kämpfen an oder hinter der Front. Europäisches Theater im Jahr 2022.

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Seelisches Echolot

Alle Frauen sind schwarz gekleidet, sie tragen Kopfbedeckungen, die an traditionelle oder historische Trachten erinnern, denen man aber die Farbe ausgetrieben hat. Nur der Schmuck glänzt messingfarben und ist zum Teil aus Patronenhülsen gefertigt. Das Septett (Tayisiya Datsyk, Zoryana Dybovska, Anna Vasylchenko, Sofiya Leshyshak, Anastasiya Perets, Anastasiia Lysovska, Oksana Tsymbalist) sitzt wie ein matriarchalisches Erinnyen-Gericht auf bemalten Holzkisten. Begleitet von Violine, Akkordeon, Klavier und Percussion werden Traditionals mit Titeln wie „Auf den Wiesen steht ein Schneeballstrauch“, „Der grüne Eichenbaum“ oder „Im Kirschgarten“ in meist heterophonem Satz gesungen. Alles sehr getragen und elegisch. Doch die dazu gezeigten Filmaufnahmen aus dem zerstörten Asow Stahlwerk in Mariupol und von bombardierten Wohnhäusern machen aus den Volksliedern mit ihren poetischen Naturbeschreibungen unversehens Trauergesänge. In ein a capella gesungenes Wiegenlied fährt sogar eine angeschlagene Klangschale wie eine Totenglocke hinein. Im Singen von Volksliedern steckt derzeit allerdings weit mehr als folkloristische Erbauung oder Melancholie: Kürzlich wurden zwei Frauen auf der Krim für das Singen ukrainischer Lieder von den russischen Besatzern mit hohen Geldstrafen und Haft belegt.

Zwischen den Liedern berichten die Frauen von ihren persönlichen Erfahrungen: Da ist die Geschichte der alleinerziehenden Mutter, die schon 2014 mit ihrem kleinen Sohn aus dem Donbass geflüchtet ist und die nun erneut überlegt, nach Polen zu flüchten. Da ist die Geschichte von der russischen Besatzung in Hostomel, vom tagelangem Warten im Keller, vom Leben ohne Wasser, von der Angst vor Vergewaltigung. Und da ist die Trauer über die brutale Überschreibung eigener Kindheitserlebnisse in Irpin, Bucha oder Hostomel durch die Massaker russischer Soldaten. Es sind erschütternde kurze Spots auf individuelle Erfahrungen des Krieges, zum Teil mit fast ohnmächtiger Wut erzählt. Sie kulminieren in der verzweifelten und empörten Anrufung zweier Instanzen: Zornig zitieren die Frauen Artikel 3 der Genfer Konvention, der vorschreibt, wie sich Kriegsparteien im Falle eines bewaffneten Konflikts zu verhalten haben. Und sie wenden sich an die religiöse Instanz mit einem Gebet „Oh Gott, schweige nicht angesichts …“. Die Antworten kennt man.

Auch wenn zwischendurch ein Witz über Lesha und seinen Militärdienst erzählt wird oder mit lautem Jubel neueste Erfolgsmeldungen wie die Teilzerstörung der Brücke auf die Krim aus dem Handy zitiert werden – am Ende dieses wilden Abends, der vom Schmerz, aber auch wütender Hoffnung und unbedingtem Durchhaltewillen kündet, steht nicht nur die völlige Absage an alle russische Kultur („Tschaikowsky, fick dich!“), sondern auch das herausgeschriene „Hoch auf die bewaffneten Kräfte der Ukraine“. Ja, der Abend ist verstörend, er ist parteiisch, er ist propagandistisch und er ist alles andere als political correct – aber das ist der Krieg auch nicht. Mitunter ist das Pathos dieser Rachegöttinnen zwischen Folklore-Seligkeit, Ukraine-Apotheose und Russenhass allerdings so dick aufgetragen, dass man auch Anklänge von Ironie wahrzunehmen meint. Nichtsdestrotz: „Imperium de-lendum est“ liefert ein realistisches Seismogramm der ukrainischen Gefühlslage. Auch das ist Europa im Jahr 2022.