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Schöner Sterben

Marina Abramović: 7 Deaths of Maria Callas

MusiktheaterPremiere:  (UA)   Theater: Bayerische Staatsoper
Regie: Marina Abramović  Komponist: Marko Nikodijević   Foto: Wilfried Hösl 
Von Joachim Lange am 02.09.2020

In buchstäblich letzter Minute wurde die Zuschauer-Obergrenze von den in Bayern pauschal geltenden 200 auf 500 erhöht. Landesherr Markus Söder, der gerne den feschen Corona-Oberbekämpfer für die ganze Republik gibt, hatte ein Einsehen. Am Premierentag wurden ab 10 Uhr morgens die zusätzlichen Karten unter die Leute gebracht. Für Nikolaus Bachlers Münchner Musentempel ist das kein Problem. Abstandsregelgemäß wirkte das Haus so gut gefüllt. Es wäre auch eine bittere Lachnummer für die erlaubenden bzw. verbietenden Behörden geworden, wenn man in dem 2100 Plätze fassenden Nationaltheater bei der starren Begrenzung geblieben wäre und man die Lehrvorführung, mit der die Salzburger Festspiele gerade imponiert haben, komplett ignoriert hätte. Während der Vorstellung war der Mund-Nasenschutz freiwillig, die Ansage glich bis ins Fächerverbot der in Österreich. 

So konnte das eigentlich schon für April geplante Opernprojekt „7 Deaths of Maria Callas“ nun zwar verspätet, aber auch als Zeichen der Hoffnung über die Bühne gehen. Für Performerin und bekennende Callas-Verehrerin Marina Abramović erklärtermaßen eine Herzenssache. Sie steht nicht nur für die Regie und Bühne, sondern übernimmt auch selbst die Rolle der Titelheldin. Geboten wird genau das, was der Titel vermuten lässt: kurz vor ihrem eigenen Tod – der auf der Bühne zur laufenden Nummer 8 wird – ziehen die berühmtesten Bühnentode dieser Ausnahmesängerin des 20. Jahrhunderts an deren innerem Auge vorbei. Während Marina Abramović als Maria C. regungslos auf dem Totenbett liegt, marschieren sie allesamt in mausgrauer Tracht auf und liefern ihren Beitrag zu diesem „schöner Sterben mit Musik“ ab:

Hera Hyesang Park das „Addio del passato“ der Violetta Valéry aus Verdis „La traviata“Selene Zanetti „Vissi d’arte“ aus „Tosca“Leah Hawkins Desdemonas „Ave Maria“ aus „Otello“Kiandra Howarth das „Un bel dì vedremo“ der Cio-Cio-San aus „Madama Butterfly“, Nadezhda Karyazina die „Habanera“ aus Bizets „Carmen“ und Adela Zaharia Lucia Ashtons „Il dolce suono“ aus „Lucia di Lammermoor“. Das gelingt ohne den Stückkontext mehr oder weniger überzeugend. Lauren Fagan schließlich muss sich dann mit dem „Casta Diva“ aus Bellinis „Norma“ sogar dem direkten Vergleich mit der Callas selbst stellen. In einer Einspielung aus dem Jahre 1954 hat sie das sozusagen letzte Wort des Abends. Maria singt bei geschlossenem Vorhang, sparsam umschmeichelnd begleitet vom abstandsaufgelockert in den ersten Parkettreihen platzierten Bayerischen Staatsorchester unter Leitung von Yoel Gamzou. An der Rampe dahinter versucht Mariana im goldnen glitzernden Gewand und mit großer Geste, dazu das Bühnencharisma der Callas zu imaginieren. 

Verbunden werden die Teile dieser Best-of-Nummernrevue mit aufwändigen Videos, die den jeweiligen Bühnentod vorbereiten. Abramović raunt assoziative Texte, die von ihr und Petter Skavlan stammen. Zugespielt wird ein dräuend atmosphärischer Sound, mit dem sich der Komponist Marko Nikodijević, mit großer Geste gegen das ganze italienische Opernpathos zu stemmen versucht. Ohne ihm wirklich zu entkommen. Am Ende begleitet seine Musik den von Abramović mit sparsamer Gestik selbst „performten“ Tod der Callas, vor dem sie das Bett verlässt, das Fenster öffnet und das lichte und klingende Paris mit großem Klangeffekt ins Zimmer lässt. Dabei zählt sie ihre Schritte und entschwindet – schlicht und einfach ins Bad. Eine Performance-Erleuchtung war das nicht. 

Eine szenische Pointe liefern die sieben Sängerinnen, die jetzt als Putzkolonne auftauchen, alle irdischen Spuren wegräumen, desinfizieren und alles mit schwarzen Tüchern verhängen. Das ist im Grunde unspektakulär und vorhersehbar gebaut. Eine eigene ästhetische Qualität beanspruchen die Videos, bei denen Nabil Elderkin Regie geführt hat. Hier ist neben Abramović auch US-Schauspieler Willem Dafoe (er war schon 2012 ihr Partner in Robert Wilsons „The Life and Death of Marina Abramović“) zu sehen. Er sitzt am Bett, wenn Violetta stirbt. Sie springt als Tosca nicht von der Engelsburg, sondern in Zeitlupe und im Gegenwind von einem Wolkenkratzer geradewegs auf einem Autodach. Otello legt Marina-Desdemona eine würgende Riesenschlange um den Hals. Butterfly spaziert mit Dafoe durch eine verstrahlt zerstörte Landschaft, bis sie sich den Schutzanzug aufreißt und mit entblößter Brust tot zu Boden sinkt. Als Carmen bleibt sie gefesselt, erstochen und im bedeutungsschwangeren Torero-Kostüm am Boden. Und als Lucia zertrümmert sie im aufziehenden Wahnsinn alle Spiegel, also sich selbst  bis aufs Blut. Als Norma schließlich schreitet sie an der Seite des als Frau kostümierten Dafoe endzeitdräuend auf ein loderndes Feuer zu. Dazu immer wieder Wolkiges aller Couleur. Für sich genommen sind das alles Hingucker, aufs Ganze gesehen aber doch eher Behauptungen, die in wabernden Wolkengebirgen schweben. 

Die Oper neu erfunden hat Abramović damit nicht. Gleichwohl gilt auch für München: Heutzutage ist noch jeder Vorhang, der sich hebt, ein Erfolg. Das Münchner Best-of Projekt von Abramović hat seine Wohlfühlqualitäten ohne Verstörungsgefahr. Es ist eine Koproduktion mit der Deutschen Oper Berlin, dem Maggio Musicale in Florenz und den Nationalopern in Athen und Paris. 

Wenn es so gegen die aktuelle Bedrohung eines Genres geht, dann kann auf der Bühne gar nicht genug gestorben werden. Selbst wenn es vor allem eine ganz persönliche Hommage einer bedeutenden lebenden an eine übergroße tote Künstlerin bleibt. Aber die ist ja nicht wirklich tot. 

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