Abgesehen von diesen Andeutungen konzentriert sich Andrea Breth in ihrer Inszenierung ganz auf das Spiel ihrer hochkarätigen Darsteller. Man ist es ja kaum noch gewöhnt, dass Schauspieler sich in abgetakelte Generäle vergangener Zeiten oder in Krüppel verwandeln. So künstlich Raum und differenzierte, ja feine Darstellung selbst der gröbsten Proletarier oder Neureichen auch geraten mögen (auch die Uniformen von Rotarmisten haben in Moidele Bickels Kostümen noch chic), so eng sich die Inszenierung an den Text hält und damit vom Zuschauer historisches Wissen und Einfühlungsvermögen verlangt: „Marija“ am Schauspielhaus Dusseldorf ist in seiner bewussten Hermetik ein ganz großer Theaterabend. Hauptdarsteller wie Peter Jecklin, Marie Burchard, Imogen Kogge oder Klaus Schreiber berühren ebenso wie kleine Rollen, beispielsweise Bärbel Bolle als verwirrtes, altes Kindermädchen oder Janina Sachau als Putzfrau, die am Ende die Revolution und ihre Männer mit groteskem und Unheil verkündenden Stechschritt begrüßt. Die liebevolle Nüchternheit der Komposition und die intensive Einfühlung des beeindruckenden Ensembles lassen eine grausige Welt erstehen, die einerseits unendlich fern wirkt, uns zugleich gefühlt jedoch sehr nah scheint. Die hemmungslosen Aufsteiger und die kraftlosen Verlierer, die verängstigten Frauen und die leicht hysterischen Männer machen wenig Hoffnung und beweisen dabei, wie kraftvoll kunstvolles Schauspiel alter Schule sein kann.
