Aufführungsfoto von „KI essen seele auf (Orpheai)“ von Thomas Köck am Schauspiel Stuttgart. Drei Frauen in silbernen, durchbrochenen Ganzkörperanzügen stehen nebeinander vor einer Leinwand.

Your data, my power

Thomas Köck: KI essen seele auf (Orpheai)

Theater:Schauspiel Stuttgart, Premiere:29.11.2025 (UA)Regie:Mateja MededKomponist(in):Volkan T error

Wie bedrohlich ist Künstliche Intelligenz? Diese Frage steht im Zentrum von Thomas Köcks „KI essen seele auf (Orpheai)“ am Schauspiel Stuttgart. Mit chorischen und vervielfältigenden Elementen betont die Inszenierung von Mateja Meded in der Uraufführung das Anonyme des Mediums und entwickelt dabei hohen Unterhaltungswert.

Muss man sich vor KI fürchten? Dieser gigantischen Sammlung von Daten, die alles abgreift, was Menschen und Institutionen mehr oder weniger willentlich in den öffentlichen und nichtöffentlichen Raum stellen? Sie bestimmt unser Sein, auch gegen unseren Willen.

In „KI essen seele auf. (Orpheai)“ stellt Thomas Köck dieses Thema groß aus, nicht zufällig dabei an „Angst essen Seele auf“ von Rainer Werner Fassbinder (1974) anknüpfend. Hier wie dort – wenn auch in differenten Kontexten – geht es um Themen der sozialen Diskriminierung und des Widerstands, bzw. Aufstands gegen die erfahrene Unterdrückung. Köck bindet in seiner Auseinandersetzung mit KI einzelne Geschichten in einen Bewusstseinsstrom ein, der die positiven wie negativen Möglichkeiten des Mediums aufzeigt. Im chorischen Sprechen scheint dabei alles Individuelle zu verschwimmen.

Abstrakte, verschwimmende Bilder

Am Schauspiel Stuttgart dominieren in der Uraufführungsinszenierung von Mateja Meded die mitreißenden Videos von Robert Seidel, die von Anfang bis Ende auf der Leinwand flimmern, mal abstrakt, dann in verschwimmenden Bildern und auf Spielsituationen bezogen konkrete Personenporträts. Zusammen mit der Musik, von Volkan T error komponiert, bestimmen diese Videos den Raum. Die drei Schauspielerinnen wirken darin verloren. Mateja Meded hat sie als Kunstfiguren mit dunkel gefärbtem Mundraum in silberne, einheitlich wirkende Kostüme gesteckt, die eng anliegen – und doch kleine individuelle Unterschiede zeigen: da hat Silvia Schwinger spitze Brustkörbe, bei Celina Rongen laufen silberne Streifen an den Beinen spitz zu und bei Therese Dörr sind die Hüften ausgepolstert.

Aufführungsfoto von „KI essen seele auf (Orpheai)“ von Thomas Köck am Schauspiel Stuttgart. Zwei Frauen stehen im Schatten einer riesigen Leinwand, auf der Multimedia projiziert ist.

„KI essen seele auf (Orpheai)“ von Thomas Köck am Schauspiel Stuttgart mit Celina Rongen und Silvia Schwinger. Foto: Björn Klein

Der Raum, den auch Meded entworfen hat, wird durch eine Leinwand bestimmt, die den ganzen Hintergrund der Bühne für die Videos einnimmt. An den Seiten wird der Raum begrenzt durch Spiegelwände, die die Vorgänge auf der Bühne verdoppeln.

Anonymer Moloch

Mit dieser Multiplizierung wird das Anonyme des Mediums betont: ein Moloch, der alles schluckt. Im chorischen Sprechen verstärkt sich dieser Eindruck, obschon sich dann doch einzelne Geschichten herausbilden. Von den Eltern beispielsweise, deren Tochter bei einem Surfunfall umgekommen ist und die sich nun einen digitalen Ersatz suchen. Oder bei einer Grenzkontrolle, die aufgrund der Fehlinformationen im Netz zu einer fatalen finalen Situation führt.

Meded gelingt es, Bewegung im Raum und chorisches Sprechen genau abzustimmen. Sie trifft damit, was Thomas Köck intendiert: aufzuzeigen, wie die KI dem Kapital hilft, eine Überwachungsgesellschaft auch jenseits staatlicher Institutionen zu etablieren. Für Therese Dörr, Celina Rongen und Silvia Schwinger als Ensemble keine leichte Aufgabe, gegen Videos und die Musik und als Chor sich zu behaupten. Immer wieder blitzt in ihrem Spiel das Begehren auf, sich gegen diese Welt des Datenklaus zu wehren. Und das macht die Inszenierung von Mateja Meded spannend, die bei aller ernsten Thematik einen hohen Unterhaltungswert entwickelt.