Das auf zwei Akte geraffte Stück, das offenbar erst während der Proben in der Etikettierung von „Tanztheater“ zu „Ballett“ zurückwechselte, ist alles andere als ein Weihnachtsmärchen. Goyo Montero bohrt tief, findet viel und neigt bei der Darstellung zu Überdeutlichkeiten, die Prokofjews schlagkräftige Musik (Dirigent Gábor Káli unterwirft sich und die Staatsphilharmonie mit plakativer Melancholie dem Regie-Konzept und setzt den skurrilen Klangwitz wie grelles Blitzlicht ein) mit Lauschangriffen von Jaulen, Keuchen und Schnattern manchmal etwas aufdringlich ergänzen. Sogar das Quietschen von Papas Rollstuhl, den man zuvor beim womöglich ersten Schlaganfall der Ballettgeschichte dahinsinken sah, wird bedeutungsschwer in die Schallkulisse integriert. Andererseits ist es das passende Vorspiel für eine der schönsten Szenen, die Vater und Tochter zum liebevollen Pas de deux auf Rädern vereinigt.
Eingefasst wird alles durch Verena Hemmerleins Bühnenbau, der auf raffiniert einfache Weise mehrere mobile Rahmen so ineinander staffelt, dass bruchlose Szenenschnitte einschließlich der Traumbilder vom Leben der Anderen jederzeit möglich sind. Lichtwechsel schaffen Stimmungen und wischen sie wieder weg. Die Basis-Atmosphäre bleibt zuckerwattenfrei radikal: So peinigend sadistisch wie Cinderella von Stiefmutter mit Töchtern gequält wurde, so schmerzhaft-blutig enden diese drei Furien im finalen Tauben-Angriff mit ausgestochenen Augen. Die Bewältigung der Vergangenheit, scheint Goyo Montero dem Prinzen und seiner Braut beim Schreiten ins diffuse Licht warnend hinterher zu rufen, wird euch noch lange begleiten. Den mehrfach abgerufenen Aschenregen hatte er immerhin schon zur anthrazitfarbigen Konfettiparade umgewidmet.
In Nürnberg mochte sich mancher Zuschauer daran erinnern, dass Monteros Vorgängerin Daniela Kurz bei ihrem damaligen Amtsantritt recht erfolgreich das Aschenputtel zur artistischen Psycho-Revue in Jeans verwandelte. Auch das war schon ein Gegenentwurf zur Tradition, wenn auch längst nicht so drastisch. Das Premierenpublikum nahm die tiefschwarz unromantische und mindestens gleichwertige Alternative mit ihren choreographischen Kollektiv-Highlights ohne Vorbehalte an. Da das Verbeugungsritual bei Montero immer mindestens so perfekt inszeniert ist wie die Aufführung zuvor, wollte der Jubel gar nicht enden.
