Wenn zwei hochgerüstete Polizisten Pippi ins Heim zu holen versuchen, vervierfacht sich Pippi, die immer wieder zwischen den flexiblen Wänden auftaucht oder verschwindet, etwa Maja Schöne übernimmt da kurzzeitig die Hauptrolle. Auch sie macht das hervorragend und gäbe eine großartige, jugendliche und geistreiche Pippi Langstrumpf ab; doch wird gerade hier deutlich, dass durch Barbara Nüsses Pippi Langstrumpf, durch eine Schauspielerin, die wirklich schon sehr vieles gesehen und erlebt hat, eine Substanz in diese Feier der Freiheit kommt, die geradezu ideal ist. Mit den anderen fünf spiellustigen Akteurinnen und Akteuren und den Live-Musikern Arne Bischoff und Felix Weigt als „Spunk-Band“ und Songs von Anna Bauer, Carl Hegemann, Inga Humpe und Ben Pavlidis entsteht ein Gesamtkunstwerk, das alle im vorerst zu einem Viertel gefüllten Theater glücklich macht (bald kann die Zuschauerzahl in Hamburg verdoppelt werden). Hier werden Bonbons ins Parkett geschleudert – anders als bei der Jelinek-Premiere am Vortag die abschreckenden Würstchen –, die keineswegs nur für zuckersüße Unterhaltung stehen, sondern für intelligent präsentierte Lebensfreude
Auch wie sich die Textfassung (in der Überarbeitung von Christian Schönfelder) auf zentrale Partien in den Pippi-Büchern, die zuletzt wegen rassistisch-kolonialistischer Anklänge eher in ein negatives Licht gerieten, konzentriert und sie mit der Gegenwart verbindet, ist aller Ehren wert. Julian Greis vereingt als Frau Prysselius zahlreiche störende erwachsene Figuren – und gibt ihnen/ihr bei aller Verulkung dennoch eine gewisse Wärme. Selbst die Welt der Tiere wird keineswegs verniedlicht, André Szymanskis Affe ist zuweilen ein bösaratiges Geschöpf – und dessen ist sich Pippi durchaus bewusst. Diese „Pippi Langstrumpf“ ist eine wundervolle Ode an die Phantasie, in einer Welt, die sie bitter nötig hat.
