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Phantastisch

Astrid Lindgren: Pippi Langstrumpf

SchauspielPremiere:  Theater: Thalia Theater
Regie: Jette Steckel   Foto: Armin Smailovic 
Von Detlev Baur am 07.06.2021

Pippi Langstrumpf wurde im vergangenen Jahr 75 Jahre alt. Und die Geburtstagsfeier folgte jetzt am Hamburger Thalia Theater. Zum Start ins neue Leben nach der Theaterauszeit inszenierte dort Jette Steckel eine „Pippi Langstrumpf“ als energiegeladenes Mutmachtheater nach düsterer Zeit – für Kinder und Eltern. Zunächst betritt Barbara Nüsse, die grande dame des Hauses die Bühne, mit rotem Kopftuch und dunklem Anzug beginnt sie mit einer freundlichen Quatschansprache, schreibt womöglich als Astrid Lindgren „Villa Kunterbunt“ auf den schwarzen Eisernen Vorhang. Dann erscheinen Maya Schöne und Ole Lagerpusch aus dem Parkett auf der Vorbühne und finden, angezogen durch die magische Ortsbezeichnung, die Tür in der Bühnenwand. Großartig ist das Spiel der beiden: So gar nicht orientiert an den ikonographischen Filmbildern oder den charakterlichen Zuschreibungen im Buch sehen wir hier weniger übermäßig brave Kinder, sondern Menschen unter Druck: Schulsorgen, Pubertät – und die ein Jahr lang unterdrückte Spielfreude der Schauspieler – drängen heraus und zeigen, dass um die Villa Kunterbunt herum die Welt keineswegs in Ordnung ist. Komik, Spielfreude und Neugier sind in dieser Szene und in den folgenden 120 Minuten die hervorragend dosierte Mischung, die „Pippi Langstrumpf“ zu einem Stück der Stunde macht.

Die Bühne, die sich nun hinter dem Eisernen Vorhang zeigt, ist eine zunächst einfach wirkende Welt, die zu phantastischen Abenteuern einlädt. Florian Lösche hat einen Kasten mit bunten Lamellen gebaut, die zu allen Seiten (außer der offenen vierten Wand zum Publikum) plötzliche Ein- und Austritte ermöglicht. Annika und Tommy tauchen vom ersten Moment an in eine Wunderwelt ein und sehen dort einen kletternden und musizierenden Affen (André Szymanski) und ein Pferd vor einer Keyboard-Kutsche (Bernd Grawert). Und sie treffen auf eine rückwärtstrippelnde Pippi, mit roten Haaren und Zöpfen, Strumpfhose und einem Oberteil, das ein upgecycelter Packetaufkleber mit „Fragile“-Aufschrift ziert (Kostüme: Sibylle Wallum). Gespielt wird sie von Barbara Nüsse – und das ist der Coup dieser rundum gelungenen Inszenierung. Die Hauptdarstellerin ist noch ein paar Jahre älter als die Jubilarin selbst. Sie gibt durch die Besetzung und durch ihr zeitlos jugendliches Spiel der Figur einen Witz und eine Glaubwürdigkeit, die weit über das kleine eigensinnige Mädchen hinausreicht. Diese „Sachensucher*äh*in“ (so integrieren Nüsse und Steckel gleich noch eine entspannt-ironische Spitze gegen Gendergrabenkämpfe) weiß sehr wohl um die Zerbrechlichkeit ihrer selbst und ist umso mehr von der Kraft und Notwendigkeit von Phantasie in einer humanen Gesellschaft überzeugt.

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Wenn zwei hochgerüstete Polizisten Pippi ins Heim zu holen versuchen, vervierfacht sich Pippi, die immer wieder zwischen den flexiblen Wänden auftaucht oder verschwindet, etwa Maja Schöne übernimmt da kurzzeitig die Hauptrolle. Auch sie macht das hervorragend und gäbe eine großartige, jugendliche und geistreiche Pippi Langstrumpf ab; doch wird gerade hier deutlich, dass durch Barbara Nüsses Pippi Langstrumpf, durch eine Schauspielerin, die wirklich schon sehr vieles gesehen und erlebt hat, eine Substanz in diese Feier der Freiheit kommt, die geradezu ideal ist. Mit den anderen fünf spiellustigen Akteurinnen und Akteuren und den Live-Musikern Arne Bischoff und Felix Weigt als „Spunk-Band“ und Songs von Anna Bauer, Carl Hegemann, Inga Humpe und Ben Pavlidis entsteht ein Gesamtkunstwerk, das alle im vorerst zu einem Viertel gefüllten Theater glücklich macht (bald kann die Zuschauerzahl in Hamburg verdoppelt werden). Hier werden Bonbons ins Parkett geschleudert – anders als bei der Jelinek-Premiere am Vortag die abschreckenden Würstchen –, die keineswegs nur für zuckersüße Unterhaltung stehen, sondern für intelligent präsentierte Lebensfreude

Auch wie sich die Textfassung (in der Überarbeitung von Christian Schönfelder) auf zentrale Partien in den Pippi-Büchern, die zuletzt wegen rassistisch-kolonialistischer Anklänge eher in ein negatives Licht gerieten, konzentriert und sie mit der Gegenwart verbindet, ist aller Ehren wert. Julian Greis vereingt als Frau Prysselius zahlreiche störende erwachsene Figuren – und gibt ihnen/ihr bei aller Verulkung dennoch eine gewisse Wärme. Selbst die Welt der Tiere wird keineswegs verniedlicht, André Szymanskis Affe ist zuweilen ein bösaratiges Geschöpf – und dessen ist sich Pippi durchaus bewusst. Diese „Pippi Langstrumpf“ ist eine wundervolle Ode an die Phantasie, in einer Welt, die sie bitter nötig hat.

 

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