Foto: Die Griechen oben und Amazonen unten © Bettina Stöß
Text:Martina Jacobi, am 15. März 2026
An der Staatsoper Hannover inszeniert Lorenzo Fioroni die Deutsche Erstaufführung von Pascal Dusapins Oper „Penthesilea“ nach Heinrich von Kleists Trauerspiel. Im Aufzeigen von Gewalt als Generationentrauma zeigt der Regisseur assoziative Bildwelten, Musik und Ensemble überzeugen.
Dass diese Oper mit dem Wort „Hoffnung“ endet, wirkt nach knapp zwei Stunden Gewalt, Krieg und innerer Zerrissenheit schon etwas zynisch. Denn das 2015 im Brüsseler Opernhaus La Monnaie uraufgeführte Musiktheater „Penthesilea“ des französischen Komponisten Pascal Dusapin hat es in sich.
Die Amazonenkönigin Penthesilea und der für die Griechen kämpfende Achilles begegnen sich auf dem Schlachtfeld im Trojanischen Krieg. In der ursprünglichen Ilias-Erzählung des Mythos kommt Penthesilea, nachdem Achilles Hektor, den Sohn des Trojanischen Königs Priamos tötet, den Trojanern zu Hilfe. Schließlich erschlägt Achilles sie auf dem Schlachtfeld. Nicht so bei Kleist und Dusapin: Hier erschießt Penthesilea Achilles von weitem mit einem Pfeil und zerfleischt ihn mit ihren Hunden. In dem nach Heinrich von Kleists Trauerspiel entwickelten Libretto von Dusapin und Beate Haeckl konzentriert sich der Text vor allem auf die Begegnung von Penthesilea und Achilles.
Denn was dahinter liegt, ist ein spannender Komplex menschlicher Innenwelten: Die Anziehung, die beide füreinander empfinden, aber nicht ausleben dürfen und können, eine tiefe Leidenschaft, die zur Zerstörung der jeweils anderen Person führt. Penthesilea, die nach dem Gesetz der Amazonen nur einen Partner nehmen darf, den sie besiegt hat, findet sich in einer Niederlage wieder, in der Achilles sie jedoch nicht tötet. In einer letzten Gegenüberstellung verfällt sie dann einem gewaltsamen Rausch und vernichtet ihn.
Nach innen und außen gerichtete Gewalt
Diese Gewalt, die sich nach innen richtet und ebenso grausam die Umwelt zerstört, geht der konfliktreichen Weltlage nah und auf der Bühne der Staatsoper Hannover wortwörtlich unter die Haut. Gerade wenn Penthesilea zerrissen zwischen ihren Gefühlen und ihrer Pflicht als Amazonen-Königin zerbricht und sterben will: „Einen Schacht graben, kalt wie Erz“. In dieser intimen Szene mit ihrer engsten Vertrauten Prothoe (Olga Jelínková) kauern beide unter dem Boden, der wie eine tiefe Fleischwunde am vorderen Bühnenrand aufreißt. In Penthesilea scheint die Gefühlskälte überhandzunehmen, eine undurchdringliche Schutzmauer um ihr starres Herz. Wie kann sie die eigene Liebe überhaupt selbst richtig verstehen? Sie als auch Achilles sind von früh an wie Kämpfer:innen aufgezogen worden, konnten emotional nicht reifen, würde man heute sagen.

Das grauenvolle Schlachtfeld. Foto: Bettina Stöß
Lorenzo Fioroni, der zuletzt Julia Kerrs zeitgemäße Oper „Chronoplan“ in Mainz zur Uraufführung brachte, setzt auch hier auf assoziatives Erzählen. Doch so eindrucksvoll das Bühnengerüst (Paul Zoller) ist, es hemmt die Figurenpräsenz. Mehrstöckig ist es rechts und links aufgezogen mit einer oben angebrachten Verbindungsbrücke, auf der die Hohepriesterin (Anthea Barać) mit Gefolgschaft auf dieses verfluchte Schlachtfeld blickt. Die Kämpfenden klettern aus den Palisaden hervor und wieder dahinter sowie auf die verschiedenen Ebenen. Mal sind es die Amazonen, die die Griechen zurückdrängen, dann wieder umgekehrt. Zur wirklichen Begegnung und Spannung zwischen Penthesilea und Achilles kommt es auf der Bühne dann, wenn diese aus ihrer Bewusstlosigkeit erwacht und sich fälschlicherweise im Sieg über Achilles glaubt.
Donnernde Kriegsvertonung
Gast-Sopranistin Katrin Wundsam singt eine von Anfang an von Kampfes- und Fleisches-Lust gehetzte Penthesilea. Olga Jelínková als Prothoe eine ihr gegenüber tief verbundene Gefährtin. Peter Schöne zeigt einen von Kampfesehre und -rausch getriebenen Achilles, dessen heroisches Selbstvertrauen am Ende doch so weit reicht, mit glänzendem Helm und Goldhose daran zu glauben, dass auf Penthesilea und ihn eine hoffnungsvolle Zukunft wartet.
Aus dem Graben donnert eindrucksvoll unter Stephan Zilias‘ Leitung Dusapins Kriegsvertonung, surren die Pfeile und kreischt gänsehautbringend laute Verzweiflung. Mit Tamtam, Zymbal und Harfe bekommt die Szenerie auch etwas mystisches. Gerade auch in nicht musikalisch untermalten Stellen lauert stiller Wahnsinn. Die Amazonen erscheinen in weißen, leichten Kleidern, wilden Haaren, mit Pfeil, Bogen und barfuß in exotisierter Fremdheit (Kostüme: Sabine Blickenstorfer). Die Griechen kommen mit roten Sturmhauben im moderneren Kampf-Outfit mit Schießwaffen mit Laserpointer. Eine Kamera-Aufnahme (Live Kamera: Enes Akargül) projiziert die bedrohte Penthesilea in einnehmender Nahaufnahme groß auf die Leinwand.

Achilles (Peter Schöne) bedroht Penthesilea (Katrin Wundsam). Foto: Bettina Stöß
Distanz statt emotionale Nähe
In einem zwischen Tee- und Kaffeetisch-Ambiente aufgebauten Boxring wartet der Held Achilles schließlich auf Penthesilea. Doch folgt kein Nahkampf, sondern das Erschießen von Ferne. Sein roter Umhang wird dann von zwei echten Schäferhunden auf der Bühne zerfetzt. Und anstatt Penthesileas‘ Selbstmord zeigt Fioroni tiefgreifender Verdrängung: Um den Ring versammelt sich eine stumm zuschauende Gesellschaft, die Figuren vom Kampfgeschehen aus der Vergangenheit und eine alt gewordene Penthesilea im Altersheim, auf die lang Verdrängtes einstürzt, als sie sich des Mordes an Achilles gewahr wird. Ein blutüberströmter Darsteller sowie Einblendungen von Kindern sind ein Hinweis auf Generationentrauma und die Wunden, die gewaltsame Taten nach sich ziehen. Wie ein staubiger Geist raunt der Chor „Hoffnung“ über die benebelte Bühne.
„Penthesilea“ ist ein inhaltlich und ästhetisch komplexer Stoff, den sich Bühne und Publikum ruhig antun dürfen. In Hannover tragen Ensemble und Musik die Inszenierung, innerhalb von drei Jahren ab dieser Spielzeit wird sich die Staatsoper nun mit Dusapin beschäftigen, zu dessen Opern „Romeó et Juliette“, „Faustus. The Last Night“ oder „Macbeth Underworld“ gehören.