Foto: Ich (Larisa Akbari) auf der Gedankenbühne in „Malina“ © Annemone Taake
Text:Andreas Falentin, am 3. Mai 2026
Zum 100. Geburtstag der Schriftstellerin Ingeborg Bachmann bringt das Theater Aachen eine Oper nach ihrem einzigen vollendeten Roman „Malina“ auf die Bühne. Die Musik von Karola Obermüller und Peter Gilbert, die Inszenierung von Franziska Angerer und das ausgezeichnete Ensemble machen die Produktion zu einem Erfolg.
„Literaturoper“ ist eigentlich ein sehr altes Wort. Es beschreibt eine Motivation, Oper aus Literatur zu machen, begonnen im 19. Jahrhundert in Russland. In Deutschland meint Literaturoper im engeren Sinne die deutsche Nachkriegsoper mit Werken von Orff, Egk, Fortner, Blacher, Klebe oder Hans Werner Henze (für den Ingeborg Bachmann als Librettistin tätig war, etwa für den „Prinzen von Homburg“). Nun haben Karola Obermüller und Peter Gilbert mit „Malina“ nach dem Roman von Ingeborg Bachmann eine neue Literaturoper vorgelegt.
Tina Hartmann hat Bachmanns langen Text sehr klug gekürzt. Bekanntlich hat der Roman „Malina“ (1971) keine Handlung im engeren Sinne. Die Protagonistin, einfach „Ich“ genannt, bewegt sich zwischen zwei Männern: Ivan, ihrem verheirateten Geliebten, und Malina, mit dem sie zusammenlebt und der wie ein männliches Alter Ego erscheint. „Ich“ sucht ihre Identität als Frau und Schriftstellerin in einer männlich geprägten, patriarchalischen Welt. Und sie scheitert, verschwindet in einer Wand – mit dem Schlusswort: „Es war Mord.“
Erfolglose Identitätssuche
Die erfolglose Identitätssuche ist der Stoff der Oper. Die Ausstatterin Pia Dederichs hat dafür eine „Gedankenbühne“ geschaffen: ein Halbrund mit zwei Projektionsflächen und drei Spiegeln. Ich – die ausgezeichnete, sehr intensive Sopranistin Larisa Akbari – ist die ganze Zeit auf der Bühne präsent. Sie ringt um Erinnerung, suhlt sich fast in Reflexionen, bleibt aber in ihrem eigenen Raum, kommt nicht in die Gesellschaft hinein, findet keine Rolle.
Auch die Musik von Obermüller und Gilbert formt diesen Raum: ein schlankes Klanggebilde, scheinbar aus Schichten geformt, dicht und ausweglos, zugleich luftig und sehr dynamisch. Eine Kammermusik mit zwanzig Instrumenten, inklusive Harfe, Celesta und viel Schlagwerk, kundig geführt vom ersten Kapellmeister Chanmin Chung. Die Musik scheint „Ich“ zu beschützen, liegt aber auch im Weg, schafft – wie der Raum – Grenzen, übertritt sie jedoch zugleich. Etwa durch den elektronisch zugespielten Chor, dessen Stimmen durch den ganzen Theaterraum tönen.
Die Regisseurin Franziska Angerer kann keine klassische Geschichte erzählen, weil der Stoff keine anbietet. Sie stapelt Bilder aufeinander: Prinz und Prinzessin (der sehr lyrische Tenor Ángel Macías und die sehr hohe Sopranistin Jelena Rakić) als Schattenrisse; die Statue eines Pferdes als Symbol von Kraft und Männlichkeit, unter der „Ich“ am Ende verschwindet; der Vater als wachsender Schatten oder die Gesichter von Malina und „Ich“ als Doppelgänger. Sonst inszeniert Angerer sehr sanft, lässt die Musik zu Wort kommen, sie sozusagen in den Roman eindringen, und lauscht den Worten des Textes nach.

Ich (Larisa Akbari) auf der „Gedankenbühne“. Foto: Annemone Taake
Malina, gesungen vom der intonationssichere Countertenor Valer Sabadus), muss auch viel sprechen – und tut das ausdrucksstark. Er wandert durchs Publikum, spricht mal aus dem zweiten Rang, dann wieder von einer Parketttür zu „Ich“. Dabei scheint er sie zugleich zu beherrschen und zu verstehen, bleibt aber immer weit weg. Anders Ivan, der Vater und Liebhaber: Micah Schroeder gibt ihn mit messerscharfem, fast kaltem Bariton, ist immer nah dran und bleibt doch entfernt. „Ich“ ist Freundin für den einen, Geliebte für den anderen – nie Frau, nie Künstlerin.
Ein Leben ohne Ausweg
Die Aachener, mit den Schwetzinger SWR Festspielen koproduzierte Produktion von „Malina“ ist eine Art Melting Pot, ein Schwitzkasten der Reflexion, ein Leben ohne Ausweg, weil das Leben in dieser Gesellschaft für „Ich“ einfach nicht funktioniert – und sie keine Hilfe findet. Ein sehr trauriger Befund zum 100. Geburtstag der bedeutenden Lyrikerin, zugleich eine beeindruckende Aufführung und eine sorgfältige, ungewöhnliche Komposition.
Am Ende schließt man „Ich“ ins Herz und bedauert, dass für sie und für Ingeborg Bachmann die Wut kein Ausweg war, das radikale Überschreiten aller Grenzen im Ausbruch. Sogar diesen Rettungsweg haben ihr Erziehung und Gesellschaft offenbar genommen. Ich bin froh, dass ich heute lebe und nicht vor 60 Jahren. Auch diese Erkenntnis verdanke ich diesem Opernabend.