Foto: „Königskinder“ von Engelbert Humperdinck am Theater und Orchester Neubrandenburg Neustrelitz. Hexe und Gänsemagd. Natalie Jurk, Laura Albert. © Jörg Metzner
Text:Michael Kaminski, am 1. Februar 2026
Nicht die Hexe ist das Böse, sondern der Mensch. Regisseur Lars Scheibner gestaltet Engelbert Humperdincks Oper „Königskinder“ am Theater und Orchester Neubrandenburg Neustrelitz artifiziell und kontrastreich aus und rührt dabei szenisch wie musikalisch.
Am 27. September 1921 rührte Engelbert Humperdinck in Neustrelitz der zweite und nun tödliche Schlaganfall, nachdem der Siebenundsechzigjährige Proben und Premiere des von seinem Sohn Wolfram am Landestheater inszenierten „Freischütz“ besucht hatte. Seither besteht vor Ort eine ausgesprochene Affinität zum Komponisten und seinem Werk. Kein Wunder also, dass sich das Haus in der Jubiläumsspielzeit zum 250-jährigen Bestehen mit „Königskinder“ Humperdincks szenisch wie musikalisch herausforderndsten Oper angenommen hat.
Kunstmärchen
Regisseur Lars Scheibner nimmt das dem Symbolismus und Jugendstil entwachsene Kunstmärchen bei Wort und Ton. Es geht hoch artifiziell zu. Gleichwohl packend und mit verblüffendem Zuwachs an Erkenntnis. So eignet denn der Hexe Archaisch-Sakrales. Eine ragende Gestalt, eine Zauberin, deren schwarze Magie eine Kontrafaktur der weißen ist. Die Gänsemagd erfasst dies unwillkürlich, indem sie das todbringende Brot segnet. Was die mörderische Wirkung nicht aufhebt, doch final der jungen Frau und dem Königssohn im Sterben Erkenntnis und Erfüllung von beider Liebe gewähren wird. Darin liegt kein eigentlicher Gegen-, vielmehr ein Komplementärzauber.

„Königskinder“ von Engelbert Humperdinck am Theater und Orchester Neubrandenburg Neustrelitz. Ankunft der Gänsemagd in Hellastadt. Alexander Geller, Laura Albert, Robert Merwald, Opernchor. Foto: Jörg Metzner
Lars Scheibner sieht im Hexenwerk denn auch nicht das von Grund auf Böse. Primär sinnt es auf Schutz der Gänsemagd. Dies freilich mit tödlicher Nebenwirkung. Die eigentliche Gefahr geht nicht von der Hexe aus. Das wahre Verderben droht aus Hellastadt. Deren geld- und genusssüchtige Einwohnerschaft vom Königtum nichts anderes begehrt als Garantie für Profit und Ausschweifungen. Scheibner erblickt in ihnen brutal-pöbelhafte Parodien ihrer selbst. Nur das Äußere möchte sich den Anschein von Bürgerlichkeit geben, tatsächlich sind die Hellastädter Mob. Am inneren Königtum von Königssohn und Gänsemagd liegt ihnen rein gar nichts. Beide stehen auf verlorenem Posten. Epiphan geradezu trifft die Gänsemagd in der Stadt ein. Eine Erscheinung vollkommener Lauterkeit und unendlichen Wohlwollens. Ganz in edelster Einfalt und seelischer Größe. Unerträglich für den Hellastädter Pöbel. In Wahrheit ist daher weder ihr noch dem Königssohn auf Erden zu helfen. Die Todtraurigkeit des Schlussaktes grenzt bei Scheibner an Tristan-Dimensionen.
Bühne aus Licht
Scheibner und – so die Selbstbezeichnung – „Lichtchoreograf“ Marcus Doering wirken im in der Stadt ansässigen „Labor für darstellende Kunst und Digitalität“ zusammen. Für den Wald dominieren irisierende Lichtkegel die Bühne, von denen in wechselnden Stimmungen Bergendes und Bedrohliches ausgeht. Final wandelt sich – gleichsam zur Apotheose der Liebenden – einer der hinteren in eine güldene wie aus einer unabsehbaren Zahl von Kronen ineinandergesteckte Lichtinstallation. Das lästerliche Treiben in Hellastadt hinterfängt Bühnen- und Kostümbildner Robert Pflanz mit einem martialischen Stahlgerüst.
Tief wie die szenische greift die musikalische Seite der Neustrelitzer „Königskinder“ ins Gemüt. Klangprächtig und enorm spielfreudig bringt sich der Chor des Hauses unter Joseph Feigl ins Geschehen ein. Bei Johannes Groh tönt der eigens für das Projekt zusammengestellte und bestens vorbereitete „KönigsKINDERchor“, als sei diese nicht seine erste Produktion. Mit der Neubrandenburger Philharmonie lässt Kenichiro Kojima so viel Wagner-Nachfolge wie nötig und so viel Tänzerisches wie möglich anklingen. Für die Gänsemagd bietet die phänomenale Laura Albert beinahe ins Jugendlich-Dramatische ausgreifende Strahlkraft auf. Vokal dringt Albert gleich gediegenem Silber bis in des Saales letzten Winkel. Auch spielerisch geht sie aufs herzzerreißende Ganze. Alexander Geller meistert seine lyrischen wie auch seine heldentenoralen Passagen. Stimmlich groß formatiert und prägnant verkörpert Natalie Jurk eine Hexe, die seit Äonen menschliche Niedertracht mitansieht. Andrés Felipe Orozco ist der nach einer besseren Welt verlangende, letztlich aber macht- und hilflose Spielmann.