Vorne links steht eine Person in Winterkleidung. Auf der Bühne liegt Schnee. Hinten rechts liegt jemand regungslos auf dem Boden, zwei Personen beugen sich über den Körper.

Gegen das Vergessen

Natalie Baudy, Matthias Köhler: Brauner Schnee über Franken

Theater:schauspiel erlangen, Premiere:27.02.2026 (UA)Regie:Matthias KöhlerKomponist(in):Eva Jantschitsch

Natalie Baudy und Matthias Köhler haben für das Schauspiel Erlangen das Theaterstück „Brauner Schnee über Franken“ geschrieben und es auch selbst inszeniert. Darin geht es um den Erlanger Doppelmord an Shlomo Lewin und Frida Poeschke im Jahr 1980. Mit der großartigen Uraufführung ist das Team des Schauspiels künstlerisch endgültig in Erlangen angekommen.

Die Bühne, ein dunkler Kasten, auf den es ohne Unterlass herabschneit. Der Schwarz-Weiß-Kontrast wird verstärkt durch grelles Licht. Welches nicht nur, aber auch von einer Laterne herrührt, die einziges Requisit ist und sehr einsam und verloren wirkt. Es ist allerdings nicht irgendeine Laterne. Es ist eine Nachbildung jener, die in der Erlanger Ebrardstraße auf Höhe der Nummer 20 steht. An dem Ort also, wo am 19. Dezember 1980 Shlomo Lewin und Frida Poeschke in ihrem Haus durch acht Schüsse getötet wurden. Der 69-jährige Verleger, Rabbiner und vormalige Vorsitzende der Jüdischen Kultusgemeinde Nürnberg, Träger des Bundesverdienstkreuzes, und seine Lebensgefährtin, die Witwe des früheren Erlanger Oberbürgermeisters, waren sofort tot.

Das Bühnenbild von Lara Roßwag lässt frösteln. Gleichzeitig scheint es zu sagen, dass „Brauner Schnee über Franken“ aus künstlerischer Warte Licht auf ein Verbrechen wirft, das das „Handbuch des Antisemitismus“ als „ersten politisch motivierten Judenmord in der Bundesrepublik Deutschland nach 1945“ bezeichnet und dessen genaue Hintergründe niemals lückenlos aufgeklärt werden konnten. Mehr noch: Bis heute wurde niemand für die Morde zur Rechenschaft gezogen. In den Worten des Stücks: „Kein Rechtsanspruch. Kein Schuldspruch. Kein Urteil. Keine Gerechtigkeit. Niemand wurde bestraft.“

Recherchearbeit, die sich auszahlt

Natalie Baudy und Matthias Köhler kamen vor anderthalb Jahren mit Intendant Jonas Knecht nach Erlangen. Schon damals hörten sie von den antisemitischen Morden, die nach vielen Jahren des Schweigens dank Vereinigungen wie der „Initiative Kritisches Gedenken“ wieder ins Gedächtnis der Stadt zurückgefunden hatten. Sie begannen, zu den hochkomplexen Zusammenhängen, zu denen auch die Geschichte der rechtsextremen Wehrsportgruppe Hoffmann und das Münchner Oktoberfest-Attentat gehören, akribisch zu recherchieren. Nahmen Kontakt auf zu dem Publizisten Ulrich Chaussy, der ein vielbeachtetes Buch zum Thema verfasst hat.

Sie wandten sich für Quellenmaterial an das Nürnberger Institut für sozialwissenschaftliche Forschung, Bildung und Beratung. Und sprachen mit Vertretern der Israelitischen Kultusgemeinde Nürnberg sowie der Vorsitzenden der Jüdischen Kultusgemeinde Erlangen, Ester Limburg-Klaus. Sie wollten Näheres über die Menschen Shlomo Lewin und Frida Poeschke erfahren, die es sich zur Lebensaufgabe gemacht hatten, ihre Stimmen gegen Antisemitismus und für die Aussöhnung von Christen und Juden zu erheben.

Harte Fakten

Herausgekommen ist ein beeindruckender Theaterabend, der O-Ton gesättigtes Dokumentartheater reibungslos mit Spielszenen verzahnt, in denen gespenstische Vorgänge wie das „Märchen vom Einzeltäter“ mit solchen abwechseln, in denen das Ensemble zum Beispiel die damaligen Lokaljournalisten als verantwortungslos agierend entlarvt. Stürzten sich diese doch zuerst auf das Privatleben der Opfer, was zu Schlagzeilen führte wie die der Nürnberger Nachrichten: „Viele Fragezeichen im Leben des Shlomo Lewin.“

Bei all dem schrecken die Schauspieler nicht vor dem Chargieren zurück. Die Überzeichnung, die das Autoren- und Regieteam verordnet hat, ist zudem notwendig, um beim Publikum die harten Fakten, mit denen es konfrontiert wird, sacken zu lassen. Diese betreffen nicht nur den Mord selbst, sondern Baudy und Köhler ziehen immer wieder Parallelen zur rechtsextremen Gewalt von heute.

Rasante Wechsel

Ein Balanceakt, gewiss, der aber voll und ganz gelingt. Nicht zuletzt dank des Ensembles, das beständig die Rollen untereinander tauscht. Mal Shlomo Lewin darstellt. Mal das Mitglied der Wehrsportgruppe Hoffmann, Uwe Behrendt, mimt, der bis heute als mutmaßlicher Täter gilt. Und mal Karl-Heinz Hoffmann ist, gegen den 1984 wegen der Morde ein Prozess eröffnet wurde, der aber 186 Verhandlungstage später mit Freispruch enden sollte.

Bei diesen rasanten Rollen- und Szenenwechseln könnte es holpern, doch alles wirkt flüssig, frei und spielerisch. Die altgedienten Erlanger Theaterrecken Hermann Große-Berg und Ralph Jung harmonieren mit den jungen, Kai Götting und Hannah Weiss. Und dass mit Clara Liepsch eine Gastschauspielerin dabei ist, merkt man zu keiner Zeit. Man hat sich hier sicht- und hörbar gefunden.

Das Ensemble ist auf einer verschneiten Bühne verteilt. Manche sitzen mit weißen Häuser-Masken über den Köpfen auf dem Boden. Im Hintergrund wird ein Bild von Shlomo Lewin und Frida Poeschke angestrahlt.

Am Ende rücken Shlomo Lewin und Frida Poeschke als Menschen in den Fokus. Foto: Martin Kaufhold

Während Baudy und Köhler den rechtsextremen Personen lediglich Theaterbärte angeklebt haben, rücken sie Shlomo Lewin und Frida Poeschke in den Blickpunkt, indem sie im Laufe des fast zweistündigen Abends drei überlebensgroße Fotografien auf die Bühnenrückwand projizieren. Auf der letzten sieht man beide lachen. Schöner könnte 45 Jahre nach dem Verbrechen nicht an das Paar erinnert werden. Mit „Brauner Schnee über Franken“ ist die neue Leitung künstlerisch endgültig in Erlangen angekommen. Standing Ovations des ganzen Hauses, eine gefühlte Ewigkeit lang!