Bernhard Glose als Nova

Großer kleiner Abend

Peter Handke: Über die Dörfer

Theater:Theater an der Ruhr, Premiere:14.03.2026Regie:Roberto Ciulli

Am Mülheimer Theater an der Ruhr inszeniert Roberto Ciulli ein vergessenes „dramatisches Gedicht“. Die Inszenierung von Peter Handkes „Über die Dörfer“ gelangt mit Ruhe und Distanz zur Beobachtung der Welt.

Die Welt ist aus den Fugen, das sieht jede:r bei einem Blick in die Nachrichtenportale und spüren viele im nervösen persönlichen Umfeld. Auch in der Theaterszene ist das Erregungsniveau hoch, wird eine Premiere in Bochum gewaltsam aus dem Publikum gestört, gibt es einen Offenen Brief von Theaterleuten gegen eine Buchvorstellung im Deutschen Schauspielhaus und ein internes Nachbeben am Thalia Theater nach einem theatral-politischen Prozess.

Theatrale Meditation

Das Mülheimer Theater an der Ruhr hingegen zeigt in seiner gegenwärtigen Spielreihe Utopie 2 die Inszenierung von Peter Handkes „Über die Dörfer“. Dieses dramatische Gedicht ist in den letzten Jahren meines Wissens völlig von den Bühnen verschwunden. Peter Iden hatte in seiner Kritik zu Wim Wenders‘ Uraufführung 1982 bei den Salzburger Festspielen den Text als „monströsen Kitsch“ bezeichnet, darin „aufgeblähte Sätze, Hohlformen nach der Preisgabe des Denkens“ ausgemacht. Die intensive Weltflucht von Handkes Gespräch ist heute fremd und mag vor gut 40 Jahren politisch fragwürdig gewesen sein, vielleicht war er in seiner Zivilisationskritik allerdings einfach seiner Zeit voraus. Jedenfalls macht der fast 92-jährige Regisseur Roberto Ciulli mit seinem Team und dem vierköpfigen Ensemble aus dem stark gekürzten Text eine intensive, anderthalbstündige theatrale Meditation, die zum Verweilen einlädt.

Famlienaufstellung mit Maria Neumann, Joshua Zilinske und Albert Bork. Auf der Leiter; Bernhard Glose. Foto: Franziska Götzen

Die ohnehin minimale äußere Handlung ist hier nur noch angedeutet: Gregor, ein weitgereister Schriftsteller, kehrt als Ältester von drei Geschwistern ins elterliche Dorf und Haus zurück, um sein Erbe anzutreten. Doch kann ihn sein Bruder Hans, ein Bauarbeiter, dazu überreden, zu Gunsten der Schwester Sophie zu verzichten, damit sie sich den Traum vom eigenen Geschäft erfüllen kann. Anstelle eines möglichen Familiendramas entwickelt Handke ein undramatisches Gedicht, in dem die allegorisch-kryptische Figur Nova zwischen den Welten des Intellektuellen und der zurückgebliebenen Handarbeiter:innen vermittelt. Der finale Monolog ist voller Aufforderungen, ist Predigt, Gebet oder Lebensratgeber, dabei jedoch voll bewusster Widersprüche: „Das zwischen euch Vorgefallene sei euer letztes Drama gewesen, das gerade Gesagte sei ungesagt.“

Bernhard Glose sitzt da vorne auf der Bühne, weiß geschminkt, mit Mütze und rot verzierter, weißer Weste, die er zuvor auf einer Bauleiter sitzend selbst bestickt hatte. Elisabeth Strauß (Bühne und Kostüme) zeigt das (Eltern-)Haus als eingefallenes Haus, mit Steinboden aus schwarzen und weißen Feldern und mit roten Dachziegeln am Rand; hier sind auch zwei kleine Grab- oder Gedenkstätten angedeutet. Die drei Geschwister (Albert Bork als Gregor, Maria Neumann als Sophie und Joshua Zilinske als Hans) haben sich da schon zurückgezogen in den Hintergrund, in dem ein leerer angeleuchteter Stuhl stand – der nie besetzt werden wird.

Innere Widersprüche aushalten

Kalt scheint es zu sein in dem abgerissenen Haus, unbehaust wirken die Figuren, wie sie erst den Geschwistern erklären und dann auch sich selbst ihre komisch-verzweifelte Lage zu beschreiben suchen: „Wir sind nur wir als Verlierer.“ Das ist trist und gewinnt doch in der grandiosen Inszenierung zunehmend Komik. Albert Bork deutet einen tänzelnden älteren Mann an, Joshua Zilinske ist ein glasklar, mit immenser Ruhe sich durchschauender „Springer“ auf der Baustelle und im Leben, Maria Neumann spielt eine gebeugte alte Frau, die einen Neustart wagen will, dessen Skurrilität sie selbst zu ahnen scheint.

Zusammen mit der Musik (Sound und Musik: Adriana Kocijan), wie Streichmusik von Schubert, zeichnet die Inszenierung das melancholische Bild einer Familie. In der großen, ja immensen Ruhe des Spiels wird das unbewegte Drama zu einer theatralen Meditation. Statt esoterische Coaching-Weisheiten zu verkaufen, hält der:die so präsente wie ruhige Nova zur meditativen Ruhe an: Sich dem Krieg, dem technischen Fortschritt zu verweigern, Widersprüche auszuhalten und ins Leben zu integrieren, das Kleine zu ehren, eben „über die Dörfer zu gehen“ – das sind die Anregungen aus Handkes seltsamem Text, die Ciulli und sein Ensemble in eindrückliche Sprachbilder überführen. Ohne Kitsch oder Esoterik und überzogene Gesten sucht der kleine große Abend nach Trost oder zumindest Konzentration aufs Wesentliche. Und verbindet sich damit programmatisch mit Ciullis Nietzsche-Inszenierung von Ende Februar und der jüngsten Premiere von Simone Derai/Anagoor in der Reihe „Utopien“.

„Über die Dörfer“ ist ein aus der Zeit gefallener Abend, der gerade deshalb bestens in unsere aufgeregte Welt passt. Zuweilen schließen die Darsteller:innen in ihrer Rede die Augen, hören nach innen. Wohltuend.