Udo Samel, Bettina Kerl und Claudia Hübbecker in "Tage unter" bei spielzeit europa, demnächst auch am Düsseldorfer Schauspielhaus.
Schauspiel,

Menschenexperimente

Arne Lygre: Tage Unter

Theater:Haus der Berliner Festspiele, Premiere:17.12.2011 (DSE)Regie:Stéphane Braunschweig

Ein Mann hält im Keller ein Mädchen gefangen, das er gekidnappt hat. Das klingt, als habe der norwegische Autor Arne Lygre, 1968 geboren, eine Geschichte à la Natascha Kampusch geschrieben. Doch bei Lygre sind die Motive andere: Der „Besitzer“, wie er im Stück nur heißt, will „Mädchen“, aber auch „Frau“ und „Junge“ nicht missbrauchen, nein, er möchte diesen einsamen Drogenabhängigen helfen. Nacheinander sperrt er sie in den „Bunker“ und beobachtet sie durch einen Einwegspiegel beim Entzug. Vier Monate bleibt jeder gefangen, pro Monat wird ein Finger oder Zeh schwarz gefärbt. Danach können sie entscheiden: sofort gehen und die restlichen Finger und Zehen abgeschnitten bekommen – oder für jeden Monat ein Glied gewinnen, bis die 20 Monate voll sind und sie „gesund“ entlassen werden?

Lygre hat ein Labor eingerichtet, wo er psychologische und philosophische Fragen verhandelt. Er experimentiert mit den Figuren, die keine Namen, keine Vergangenheit haben: Wie agiert ein Mensch in Einsamkeit und Gefangenschaft? Kann man jemanden mit Gewalt zu einem glücklichen Menschen erziehen? Mit der „Frau“, die ihren Entführer letztlich zu lieben und zu brauchen glaubt, untersucht er: Wie viel Freiheit ist nach absoluter Unfreiheit möglich? Und wenn er den „Besitzer“ sterben lässt und den „Jungen“ zu seinem Nachfolger macht, stellt sich die Frage: Wann werden Opfer zu Tätern?

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Die Sprache des Stücks ist so einfach und lakonisch, wie seine Form komplex und abstrakt. Jenseits des psychologischen Realismus steht Lygre in der Nähe seines Landmanns Jon Fosse, der Dramen im Kopfinnenraum anlegt; man fühlt sich aber auch an die Ausgesetztheit der Beckettschen Menschen und die Brechtsche Dialektik von Herrschern und Beherrschten erinnert. Stéphane Braunschweig, Leiter des koproduzierenden Pariser Theaters „La Colline“ und als Regisseur eher auf klassische Stoffe gebucht, inszeniert wortgetreu: Er stellt die Schauspieler vor eine karge Wand, die in der Mitte ausgebuchtet ist, so dass ein kleiner Spielraum entsteht, und lässt sie Lygres zweite Sprachebene unverändert mitsprechen, auf der die Figuren sich und die Handlung kommentieren. Wenn die „Frau“ sagt: „Besitzer hält Frau unten. Sie kann sich nicht bewegen“, dann muss das als Hinweis auf eine neue Szene genügen. So entsteht eine Geschichte der Möglichkeiten, in der Vergangenheit und Zukunft erprobt wird.

Die Rollen sind prägnant besetzt. Udo Samel als „Besitzer“ wirkt seinem Helfersyndrom wie ausgeliefert, aber er kann bedrohlich rot anlaufen und schüchtert nicht zuletzt durch seine Körperwucht ein. Claudia Hübbecker gibt eine beunruhigend masochistische „Frau“, die nur in den Regeln von Macht und Ohnmacht funktioniert. Das Ergebnis des Experiments bleibt allerdings diffus; Lygre reißt zu viele Fragen an und lässt die Antworten zu sehr im Dunkeln. Die Regie hätte hier deutlichere Akzente setzen müssen.