Foto: Sandro Šutalo / Sara Jevo © Natalie Grebe
Text:Martina Jacobi, am 30. November 2025
Am Nationaltheater Mannheim stellt sich Ensemblemitglied Sandro Šutalo alias Dragqueen Sara Jevo im Solo-Abend seiner queer-migrantischen Identität. Ein dichter Abend, der charmant-ironisch unterhält und schmerzlich berührt.
„Egal ob dort oder hier“, sagt Dragqueen Sara Jevo auf der Bühne des Studio Werkhaus des Nationaltheaters Mannheim – Deutschland und Bosnien, beide Länder gehören zu ihrer Identität. Der glamouröse Auftritt im roten Knaller-Outfit, so wie sie ihn hier ablegt, das wäre in Sarajevo zu gefährlich, sagt sie. In Bosnien und Herzegowina erfahren queere Menschen Diskriminierung und Gewalt – und so ist diese Show gleichzeitig ein Empowerment-Auftritt für queere Identitäten als auch eine dokumentarische Selbstfindung zur bosnisch-jugoslawischen Geschichte.
Der Utopie eines solchen, glitzernden Drag-Auftritts in Sarajevo begegnet Sandro Šutalo in seiner Drag-Identität Sara Jevo in einer auf der Bühne inszenierten Reise in die Stadt. Per Video eingespielt erreicht ihn die Einladung zu „Bosnia talent“ von der auf Gaze projizierten Drag Queen YuPaul (der jugoslawischen Verkörperung von Schauspieler und Dragqueen RuPaul). Die Fahrt führt im Flixbus – vorne im Bühnenraum steht eine Bus-Doppelsitzbank, auf der Šutalo die ruckelige Fahrt mimt – von Deutschland, wohin seine Familie kurz vor Kriegsausbruch in den 1990ern emigrierte, entlang der bosnisch-herzegowinischen und seiner eigenen queeren Identitätsfindung zur Stadt auf den sieben Hügeln.
Drag als Showformat
Dass Šutalo und Regisseurin Milo Čortanovački die Reise als dokumentarische sowie als Drag-Show anlegen, gibt dem queer-migrantischen Inhalt eine logische Rahmung und hat einen berührenden Effekt: Drag als Spiel mit Geschlechterrollen, das sich in den 1980er Jahren zu glamourösen Wettbewerben mit Tanz- und Lip-Sync in der Ballroom-Szene entwickelte, aber auch empowernder Schutz-Raum marginalisierter queerer Gruppen war, steht auch hier symbolisch für einen solchen Safe Space als bittersüße Utopie-Erfahrung freien körperlich-identitären Ausdrucks.
Auf der Bühne sind wenige Requisiten: Neben den Bussitzen ein Mikrofonständer für Song-Auftritte (von „Ja ću preživjeti“ – Gloria Gaynors „I will survive“ – über selbstgeschrieben Songs bis hin zur jugoslawischen Pop-Ikone Lepa Brena), ein Gaze-Vorhang für Projektionen – eine Mischung aus popkulturellen Referenzen, politischer Bilderschau und Kindheitserinnerungen. Šutalo stemmt den gut einstündigen Abend bis auf wenige Videoeinspielungen ganz alleine, was bei dem dichten Inhalt inhaltlich und performativ einiges abverlangt. Zu Beginn wirkt die Story noch klar inszeniert, bis Šutalo den Raum mehr und mehr für sich einnimmt und der persönliche, inhaltliche Bezug als klare Stärke hervortritt.

Sandro Šutalo / Sara Jevo. Foto: Natalie Grebe
Charmant und ironisch-unterhaltend präsentiert Šutalo eine kurze Geschichts-Lektion über die Entstehung und den Zerfall Jugowlawiens, die einen schmerzlichen Beigeschmack hinterläßt. Spitz-derbe Seitenhiebe zur gewaltsamen Politik, Geschichte und dem Nationalismus verfehlen ihre Wirkung nicht: schön sozialistisch mit der Faust voran.
Theatrale Zumutung
Krieg, Völkermord, die Vertreibung von Millionen von Menschen vom Gebiet Ex-Jugowlawiens prägen Šutalos Familien-Geschichte. An der bosnischen Grenze angekommen folgt auf der Bühne die Darstellung migrantisch-bürokratischer Erfahrungen eines Angehörigen der Balkan-Diaspora bei der Passkontrolle: Die Abschiebung mancher Familienangehöriger, Probleme bei der deutschen Passausstellung wegen fehlender Dokumente – gleichzeitig der Blick des bosnischen Grenzers und dessen Einordnung Šutalos als noch so einen, der ja wohl „Glück hatte“, früh genug gegangen zu sein, noch so ein Yugo-Betrugo.
Mit dieser stark persönlich geprägten Performance und eindrücklichen Zumutung nähert sich Šutalo auch dem in der Familie vermittelten Männlichkeitsbild: stolz, stark und still. „Lieber tot als Schande“, so laute der Balkan-Leitsatz. Die glitzernden, traditionell inspirierten Drag-Outfits (Bühne und Kostüme: Andrijana Trpković) unterstreichen seinen und den Drag-Anspruch einer persönlichen Selbstermächtigung.
Endlich in der bosnisch-herzegowinischen Hauptstadt angekommen, erzählt Sara Jevo von der Begegnung in einem Café mit Inela Nogić, die 1993 während der Belagerung der Stadt zur „Miss Sarajevo“ gewählt wurde (diese Begegnung hat so nie stattgefunden). Der Wettbewerb, der im Luftschutzkeller stattfand, um Scharfschützen zu entgehen, ging mit Bildern von Teilnehmer:innen, die Banner mit der Aufschrift „Don’t let them kill us“ trugen, um die Welt. Und mit diesem Bild zu Selbstbestimmung, Mut und Sichtbarkeit endet schließlich Šutalos Ein-Personen-Performance als Aufruf und Reality-Check für queere Lebensrealitäten: ein bewegender Parforceritt zum Queer-Migra-Pride.