Zwei Tage nach Peter Handkes 80. Geburtstag brachte nun Rieke Süßkow am Wiener Akademietheater das „Zwiegespräch“ des österreichischen Literaturnobelpreisträgers als vielstimmiges Streitgespräch der Generationen zur Uraufführung. Gemeinsam mit Bühnenbildnerin Mirjam Stängl verlegte die 32-jährige Berlinerin bei ihrem Burgtheater-Debüt Handkes flirrendes Erinnern im Angesicht der Endlichkeit in die Szenerie eines kasernenartig organisierten Altersheims.
Vor einem scheinbar endlos langen Paravent sitzen in dessen gezackten Nischen, aufgereiht neben Topfpflanzen, vier ältere Männer und eine Frau in weißer Unterwäsche. Bewacht von gespens-tisch synchron agierenden Pfleger:innen, putzen sie sich die Zähne, kleiden sich an und spielen eingeschüchtert Stuhlpolonaise, sobald schrill gepfiffen wird. „La Paloma, ohé, einmal muss es vorbei sein“, singen Maresi Riegner und Elisa Plüss in langen, weißen Latexschürzen. Wer keinen Stuhl ergattert, scheidet aus und wird unsanft durch eine Tür im papierenen Windschirm hinausbefördert. Rotes Licht flackert auf, und wenig später verstauen die beiden jungen Frauen eine schwarze Urne und die letzten Habseligkeiten der sukzessive Eingeäscherten samt Foto in einem Schrank.
Die junge Generation übernimmt
Als könnten sie in diesem von orange-vergilbtem Herbstlicht überblendeten Vorhof des Todes ihr Ende dadurch aufschieben, teilen sich Hans Dieter Knebel, Branko Samarovski und Martin Schwab Handkes Text, ehe sie „abserviert“ werden. Doch da unterbricht Plüss Samarovski, als er einem kleinen, vor ihm knieenden Jungen Kriegsgeschichten des Großvaters erzählt. „Dunkelmänner!“, schimpft sie, „Schläger und Erschlagene!“ Sie hebt die Arme, womit für einen Augenblick klares Licht die Bühne erhellt und die Pastellfarben der wie aus der Zeit gefallenen Kostüme (Marlen Duken) aufleuchten lässt: „Lichtzwang!“, ruft sie metaphorisch.
Indem Süßkow Handkes Text gleichsam auch von den Enkelinnen sprechen lässt, die den Sermon der Alten stetig unterbrechen, offenbart sie die problematische Kriegsgeschichte des gewalttätigen Großvaters als transgenerational weitergegebenes Kriegstrauma, das selbst noch die Enkel zum seelenerkalteten Überwa-chungspersonal in choreografiertem Gleichschritt deformiert. Wenn am Ende Martin Schwab bellend, miauend und wie ein Baby greinend auf dem Rücken liegt, um schließlich bei einer gespens-tischen Stehparty mit Dichterkranz aufgebahrt zu werden, entgleist die Szenerie vollends zu einer makabren Séance.
Sprachlicher Leerlauf
Viel zu wenig kann Süßkow innersprachlich mit dem interpretationsoffenen, rätselhaft schwebenden Theatertext Handkes anfangen, der in diesem allzu eindeutigen Szenario seine assoziationsreiche Leichtigkeit verliert. Die surreale Szenerie verdeckt die Kraft von Handkes Realismus, entsprungen seiner Poesie, die hier aus der kritischen Geschichtsbetrachtung heraus Gegenwart neu erzählt. Holprig, ohne die Feinheiten oder den Klang der Sprache zu vermitteln, schaffen es weder Plüss noch Riegner Handkes theatralische Poesie gedanklich zu durchdringen und lebendig werden zu lassen. Allein im Zusammenspiel der drei alten Schauspieler – begleitet vom permanenten Vorecho der tapferen Souffleuse Berngard Knoll – entsteht zumindest für Momente die Idee, wie Handkes Text Theater hätte werden können, anstatt fast zwei Stunden lang ins Leere zu spielen: im lebendigen Erzählen, das Imaginationsräume auftut.
