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„Liebe? Die Leute hören nie auf damit!“

Kirill Serebrennikov : Decamerone

Premiere: Theater: Deutsches Theater Berlin
Regie: Kirill Serebrennikov   Musikalische Leitung: Daniel Freitag  Komponist: Daniel Freitag   Foto: Cordula Treml 
Von Barbara Behrendt am 09.03.2020

Wenn der Regisseur nicht zu den Schauspielern kommen kann – dann kommen die Schauspieler eben zum Regisseur. So geschehen bei der Produktion „Decamerone“ am Deutschen Theater Berlin, inszeniert von Kirill Serebrennikov. Der russische Regisseur steht zwar wegen angeblicher Veruntreuung nicht mehr unter Hausarrest, das Land verlassen darf er trotzdem nicht – und so verlegte das DT die Proben kurzerhand nach Moskau. Ohne Serebrennikov musste seine erste Schauspielinszenierung in Deutschland denn auch in Berlin Premiere feiern. „Free Kirill“ stand noch immer auf den T-Shirts, die das Team beim langen Schlussapplaus trug.  

Die Schauspielerin Almut Zilcher steht zu Beginn in weißem Kittel in einer Turnhalle neben Sprossenwänden und Medizinbällen und leitet fünf ältere Damen zu diversen Atem- und Gymnastikübungen an. Bis ein junger Mann den Raum betritt und mit nacktem Oberkörper seine Muskeln trainiert und lüsterne Frauenblicke die meditative Stimmung stören.

Selbstredend muss der Körper in einer Decamerone-Inszenierung im Mittelpunkt stehen – schließlich handeln Giovanni Boccaccios hundert Erzählungen aus dem 14. Jahrhundert von Begierde, Lust und Betrug. Zehn Menschen haben sich darin aus dem pestverseuchten Florenz ins Landidyll geflüchtet und erzählen sich an zehn Tagen jeweils zehn Geschichten, oft schwüle Episödchen von Ehebruch und Züchtigung, doch auch die große Liebe über den Tod hinaus wird beschworen.

Menschen, die vor einer Epidemie in Quarantäne flüchten – aktueller geht es in Corona-Zeiten wohl kaum. Derart Naheliegendes greift der Regisseur allerdings selten auf, die Rahmenhandlung hat er gestrichen.

Zwar gibt es in die High-Tech-Welt verlegte Geschichten wie die des gedemütigten Verehrers, der sich an seiner Angebeteten rächt, indem er ihr Nackt-Video ins Internet stellt. Aber Serebrennikov ist daran gelegen, das Überzeitliche, das allgemein Menschliche im Kreislauf von Begehren und Begatten zu erzählen. Am Ende der dreieinhalb Stunden sagt die Chanseuse Georgette Dee: „Liebe – ich hab’s nie verstanden. Aber irgendwie hören die Leute damit nicht auf.“  

Neben ihr und den fünf älteren Damen, Berliner Laiendarstellerinnen, steht ein gemischtes Team aus russischen und deutschen Spielern auf der Bühne. Ihre Szenen sind bestens miteinander verzahnt. Jeremy Mockridge vom DT-Ensemble spielt etwa Aleksandra Revenkos Stalker – er spricht auf Deutsch, sie antwortet auf Russisch, was sein verliebtes Blut noch mehr in Wallung bringt. Die russischen Passagen werden in unterschiedlichen Schriftbildern auf verschiebbaren Tafeln übertitelt. Die Sprache wird so zum ästhetischen Element.

Während im ersten Teil die neckischen Lustspiele eher albern gymnastisch durchhopst werden, quälen sich später schwere Herzen über die Bühne. Regine Zimmermann vermag einen gleich mehrfach zu Tränen zu rühren. Etwa, als sie ihrem stumm bleibenden Angebeteten in inniger Liebeshoffnung die zärtlichsten Worte in den Mund legt (bei Boccaccio ist es noch die Frau, die schweigen muss – das eine oder andere Klischee hat Serebrennikov mit seiner Fassung gesprengt). Später als Trauernde, die das blutige Herz ihres Geliebten in der Hand hält, den ihr eifersüchtiger Vater ermordet hat.

Georgette Dee singt, unterstützt von drei Live-Musikern, Gedichte von Rainer Maria Rilke, Else Lasker-Schüler, Thomas Brasch, Hilde Domin und gibt dem ansonsten im Geschichtenreigen zerfasernden Abend Struktur. Mit ihren Liedern beginnt jeweils eine neue Jahreszeit, von Winter bis Winter – das ewige Werden und Vergehen. Die Liebe als einziges Mittel gegen Tod und Vergessen.

Serebrennikov erzählt bildstark und setzt ganz auf seine hoch emotionalen Spielerinnen und Spieler – doch die vielen Episoden, Figuren, Motive stehen oft zu beliebig nebeneinander. Auch der Auftritt der turnenden Damen, die ganz zuletzt nur ein einziges persönliches Sätzchen sagen dürfen, wirkt bemüht. Trotzdem: ein im besten Sinne uncooler Schauspieler-Abend über die großen Gefühle, die Menschen seit Urzeiten verrückt machen.

 

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