Mann {Roman Mucha) vor Einkaufszentrum
Schauspiel,

Kunst und Geld und Mensch und Tod

nach Ruben Östlund: Die Brutalität der Schönheit

Theater:Schlosstheater Moers, Premiere:12.05.2022 (UA)Vorlage:The Square (Film)Regie:Paulina Neukampf

Das Wallzentrum ist ein sterbendes, zumindest dahinsiechendes Einkaufszentrum in der Innenstadt von Moers. Über die Hälfte der Ladenlokale steht leer. Hier betreibt das Schlosstheater im dritten und letzten Jahr mit Mitteln des NRW-Fördertopfes Neue Wege „W. – Zentrum für urbanes Zusammenleben“. Seit Sommer 2019 gab es hier Lesungen und Suppenküche, Gesprächsformate und Performances. Jetzt, in „Die Brutalität der Schönheit“, spielt das Wallzentrum selbst die Hauptrolle.

Materialspender für die erste Moerser Inszenierung von Paulina Neukampf ist der Film „The Square“ von Ruben Östlund aus dem Jahr 2017, ein gleichzeitig schockierendes und beißend witziges Abbild einer entfremdeten Gesellschaft. Geschildert wird die existenzielle Identitätskrise des blendend aussehenden Museumskurators Christian. Gleichzeitig liegt ein Hauptaspekt des Films auf dem aktuellen Kunst-und Museumsbetrieb. Wie wird ein Objekt „Kunst“? Dadurch, dass es im Museum steht? Was macht die immer stärkere Ökonomisierung mit dem Kunstbetrieb, und den Menschen, die dort arbeiten? Und was ist die Rolle derer, die Kunst betrachten und erleben? Werden sie automatisch Teil eines Werkes, ist ihnen eine reine Konsumentenrolle zugewiesen, sind sie gar notwendiges Übel?

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Direkt, witzig, raffiniert

Diese Fragen stellt auch „Die Brutalität der Schönheit“ direkt, witzig und – durch die vielen Verzahnungen und Übergänge – durchaus raffiniert. Die Hauptrolle wird hier von einer Frau übernommen. Emily Klinge lässt als Kuratorin eine Lebenskrise höchstens ahnen. Wir erleben sie nur in zwei „privaten“ Szenen:  im Interview mit einer Journalistin, das offensichtlich zu einer sexuellen Begegnung führt, und beim „Nachgespräch“ hierzu. Diese Kuratorin genießt offensichtlich ihre Machtposition und ist an Erfolg und dem Wirkungsgrad ihrer Arbeit wesentlich mehr interessiert ist als an Ästhetik oder gar Inhalten. Das lässt schnell an die eine oder andere aktuelle Führungspersönlichkeit in Kunst und Kultur denken…

Die Grundbehauptung der Aufführung: Das Wallzentrum ist vom Einkaufszentrum zu einem Museum für moderne Kunst geworden und wir, die Zuschauer, sind eine „Sozialgruppe“, für die eine Extraführung veranstaltet wird. Zu Beginn knien auf einem Parkdeck zwei Männer, einer in einem durchsichtigen Zelt, einer davor. Sie wechseln die Positionen, irgendwann sitzen sie beide im Zelt und küssen sich. Dann nehmen sie die Ausgangsposition wieder ein. Wie aus dem Nichts erscheint die Kuratorin, groß, blond, jung, stellt das Ganze als „Installation In-and-Out“ vor und beginnt ihre Führung durch die „Ausstellung“. Wir folgen ihr mit Falthöckerchen zu mehreren eigenwilligen „Installationen“, stets mit einem Schauspieler im Mittelpunkt. Dabei wird die Kunst immer wieder zufällig durch das „Leben“ ergänzt, etwa wenn Passanten in die Performance geraten. Oder wenn während eines Vortrages, mit dem eine stinknormale Glastür zum Kunstwerk erhoben wird, gerade in dem Moment ein protziger weißer Kombi um die Ecke biegt, da der Referent von der „Stadt in ihrer ursprünglichen Funktion“ spricht. Der vielleicht intensivste Moment dieses ganz und gar außergewöhnlichen Theater-Walks ist an sich unspektakulär: Ein Mann winkt, wir sollen ihm folgen. Es geht hinaus auf die Straße. Immer wieder bleibt er stehen, schaut auf den Verkehr, in ein Fenster, in den Himmel. Plötzlich kippt er um, vor einer Tür, die sich automatisch öffnet. Minutenlang stehen wir da, im öffentlichen Raum. Müssten wir uns nicht verhalten, auch wenn das „Kunst“ ist? Die Kuratorin kommt durch die offene Tür und nimmt uns mit auf den Weg. Der Gefallene bleibt liegen, was einigen Zuschauer:innen, mitgehörten Gesprächen zufolge, noch einige Zeit nachgeht.

Das Publikum muss sich verhalten

Überhaupt ist die Aufführung immer dann am stärksten, wenn sie von uns Publikum Entscheidungen fordert. So sollen wir kurz vor dem Ende Smartphones und Schlüssel abgeben, um „Vertrauen“ zu demonstrieren. Gleichzeitig wurde uns eine Mahlzeit avisiert – und wir sehen in einen Innenhof mit weiß überzogenen Stehtischen, Obst und Getränken. Werden wir auch Sekt trinken dürfen, wenn wir unsere Smartphones für uns behalten? Und wie kriegen wir sie zurück?

„Die Brutalität der Schönheit“ ist ein besonderer Theaterabend geworden, dicht aber entspannt, lebensnah aber dezidiert künstlich. Vielleicht ist das eine oder andere sogar ein wenig zuviel. Die Geschichte der dramatisch nach hinten losgegangenen Social-Media-PR-Kampagne, direkt aus dem Film übernommen, wurde etwa gut umgesetzt, wirkte aber im selbst gewählten, so großartig gefüllten Rahmen ein wenig überflüssig.

Was die Qualität, vor allem das sinnliche Erlebnis von „Die Brutalität der Schönheit“ aber allenfalls unwesentlich mindert. Der Drive der Aufführung, der Erfindungsreichtum, die nie aufgesetzten ironischen Brechungen und der dezidierte Umgang mit Schauspieler und Rolle einerseits und der Rolle und dem Rollenverständnis des Publikums andererseits reißen mit. Das präzise, leidenschaftliche und vor allem lebendige Spiel von Joanne Gläsel, Georg Grohmann, Matthias Hesse, Emily Klinge und Roman Mucha verstärken diesen Eindruck noch, die Sounds und Kostüme von Sarah De Castro spielen klug mit, setzen Rahmen, drängen sich aber nie in den Vordergrund. Keine Eitelkeit, aber auch keine Berührungsängste, nirgendwo. Der Prozess der Abschaffung der Inhalte als Inhalt. Theater für unsere Zeit.