Die Bühne ist so belichtet, dass Nebelschwaden die Wände hochzusteigen scheinen. Im Hintergrund steht eine schattenhafte Person mit Mantel und Hut.

Die Lagerräume hinter unseren Augen

Jenny Erpenbeck: Heimsuchung

Theater:Deutsches Theater Berlin, Premiere:23.01.2026Regie:Alexander Eisenach

Jenny Erpenbecks „Heimsuchung“ am Deutschen Theater Berlin erzählt von einem Grundstück am Scharmützelsee in Brandenburg. Von einem Boden, über den zwischen der Weimarer Republik, dem Nationalsozialismus, dem Krieg und dessen Ende, der DDR und der Nachwende eine Vielzahl an Lebensrealitäten als stetiger Wind der Geschichte hinwegwehte.

„Nichts Schöneres, als mit offenen Augen zu tauchen. Hinzutauchen bis zu den schimmernden Beinen von Mutter und Vater, die eben schwimmen waren und nun durch das flache Wasser zurück zum Ufer waten.“ – In Jenny Erpenbecks Roman folgen diese Worte einer Passage, die davon berichtet, dass ein zwölfjähriges Mädchen während des Nationalsozialismus deportiert und erschossen wird. Ihr Name ist Doris. Und in dem Kapitel, das von ihrem Tod erzählt, entfaltet sich der Titel des Romans mit all seiner Wucht: Es ist die Gleichzeitigkeit von Schmerz und Trost, die Doris erfährt, wenn sie im Angesicht des Todes nach Beweisen ihrer eigenen Existenz sucht. Wenn sie im Angesicht des Todes von einer Erinnerung an ihre Eltern heim-gesucht wird.

Eine Adaption von Erpenbecks Roman birgt die Herausforderung, für eben solche Heim-suchungen eine bühnenwirksame Sprache zu finden. Alexander Eisenach bleibt der chronologischen Abfolge der Romankapitel sowie der sprachlichen Spur der Vorlage dabei zunächst eng verbunden. Die Schauspieler:innen sprechen die Texte in der 3. Person, die Dimensionen des dialogischen Spiels bleiben dadurch beschränkt. Der Saal folgt dem Gang der Generationen: von einem Großbauern mit seinen vier Töchtern, der das Grundstück in einzelnen Teilen verkauft – ein Drittel an einen Kaffee- und Teeimporteur aus Frankfurt an der Oder, ein Drittel an einen Tuchfabrikanten aus Guben und das dritte Drittel an einen Berliner Architekten, der auf dem Grundstück für sich und seine Verlobte ein Sommerhaus baut.

Das Licht einer Grabungsstätte

Doch als die Inszenierung das Kapitel über das Schicksal des zwölfjährigen Mädchens, der Nichte des besagten Tuchfabrikanten, erreicht, eröffnet sich allmählich ein räumlicher Zugang: Hier ist das Bühnenlicht zunächst spärlich, das Bild einer Live-Kamera (Video: Oliver Rossol) flackert auf einer transparenten Stellwand und der Saal lauscht angespannt der Erinnerung des zwölfjährigen Mädchens. „Ich würde gerne irgendeinen Beweis dafür haben, dass ich da bin“, sagt es und wiederholt immer wieder den eigenen Namen. Doris. Am Ende des Kapitels spricht sie ihn ein letztes Mal aus – dann wird die Videoprojektion von einem beißenden Weiß abgelöst, das den Bühnenraum als eine Art Grabungsstätte ausleuchtet. Der Lichtwechsel zeichnet das Bild einer Grube, in der wir beim Budeln auf etwas gestoßen sind, das nun beharrlich verlangt, gesehen zu werden: etwas, das einen Platz „in den Lageräumen hinter unseren Augen“ beansprucht.

Unmengen an biografischen Erdschichten

Wenn wir uns an dieser Stelle von Erpenbecks Experiment, das 20. Jahrhundert in der Geschichte eines einzigen Grundstücks zu komprimieren, mitreißen lassen, dann drängt sich zügig der Gedanke auf, dass die „Lageräume hinter unseren Augen“ eigentlich schon längst überquellen müssten. Vor und hinter dem Schicksal des kleinen Mädchens häuft sich nämlich Unmengen biografischer Erdschichten an: Darunter zum Beispiel die Begegnung eines jungen Soldaten der Roten Armee (Benjamin Lillie) und der Frau des Architekten (Anja Schneider), die sich während der Besatzung im Kleiderschrank versteckt.

Die Gewalt, die in dieser Begegnung nicht nur in eine, sondern in verschiedene Richtungen wirkt, trägt sich über die Stimmen der Schauspielenden in den Saal, um anschließend vom Wind der Geschichte mitgerissen zu werden. Verlust, Gewalt, Vertreibung, Zuflucht und Schmerz – all das zieht im nebligen Kreisel der Drehbühne, im stetigen Puls der Live-Musik (Sven Michelson und Niklas Kraft) und als ein unaufhörlicher Wechsel von Licht und Schatten an uns vorüber.

Doch in der Erzählung steckt auch noch eine andere Erkenntnis: Das Leben beginnt, es findet statt und es endet. Eisenach widmet sich dieser Facette des Erpenbeck’schen Stoffes, indem Pro- und Epilog von einem Kind gesprochen werden. Mit Gummistiefeln betritt es die Bühne und erzählt von den Gletschern, die sich kraftvoll über die Erde geschoben haben. Wie eine kleine Prophetin steht es vor dem stählernen Gletscher-Gerüst (Bühne: Daniel Wollenzin). Eine kleine Prophetin, die uns – nachdem der Engel der Geschichte rastlos durch 100 Jahre deutsche Geschichte getrieben wurde – tröstend und mahnend an etwas erinnern möchte. Daran, dass die Landschaft, nachdem das Sommerhaus abgerissen und „bevor auf demselben Platz ein anderes Haus gebaut werden wird, […] für einen kurzen Moment wieder sich selbst [gleichen wird].“