Foto: Das Ensemble in „Bello!“ © Andy Philippson
Text:Detlev Baur, am 20. März 2026
Am Chamäleon Berlin hatte eine erweiterte Version von „Bello!“ der italienischen Compagnie Fabbrica C Premiere. Zu sehen ist Zeitgenössischer Zirkus, der Akrobatik und Gruppendynamik in ein harmonisches Gleichgewicht bringt.
Ein Menschenknäuel aus vier männlichen und drei weiblichen Körpern entsteht und entwirrt sich; es entstehen zwei Untergruppen mit Ziehen und Halten und Lösen, wie in Zeitlupe verbinden sich die Figuren – von zarter Musik begleitet – erneut. Langsam, aber sicher erweitert sich der Tanz zu Akrobatik: Auf Schultern getragen wandeln die in gedeckten Farben mit leichten Stoffen gekleideten Akteur:innen auf dem Halbrund der Bühne umher, bis eine dreistöckige Gestalt bis kurz unter die Decke entsteht und sich scheinbar mühelos über den Köpfen des Publikums bewegt.
Tanz und Akrobatik
Das sitzt an kleinen Bistrotischen, mit Getränken, teilweise Speisen im schönen Ballsaal in den Hackeschen Höfen. Dabei geht es weniger um Distanz zum Bühnengeschehen im Brechtschen Sinne, vielmehr um entspannten Genuss – und um zusätzliche Einnahmen des Privattheaters. Das Chamäleon Berlin ist der wohl wichtigste Co-Produktionsort für Zeitgenössischen Zirkus in Deutschland. Bis Ende Mai ist dort nun das für Berlin weiterentwickelte Stück „Bello!“ der italienischen Compagnie Fabbrica C zu sehen.
Die Berliner Schauspielerin Judith Shoemaker spricht immer wieder kurze Texte auf Englisch, setzt Motive – räsonierte zu Beginn über das flexible Schlange-Stehen in Italien. Sie versucht in der zweiten Szene das akrobatische Tanzpaar Camille Guichard und Davide Visintini zu bremsen, natürlich ohne Erfolg; vielmehr wird sie selbst auf Schultern genommen, wird zum Teil der beweglichen Gruppe.
Das harmonische Ensemble: Foto: Andy Phillipson
Francesco Sgrò und seine Compagnie (in den ersten Wochen mit Francesco Germini, Camille Guichard, Natalia Koskela, Antonio Panaro, Lucas Chacon Rodriguez, Davide Visintini und Judith Shoemaker) haben einen knapp zweistündigen Abend geschaffen, der kurze Sprechpartien, Tanz und Partnerakrobatik zu einem Flow verbinden, voll zauberhafter Bilder: Menschen, meist die leichteren Frauen, fliegen über die Gruppe und werden sicher gefangen. Ein großer Mann wandelt puppenähnlich auf den Händen seiner Partnerin. Aus einer sich drehenden Menschentraube heraus fliegen einzelne Figuren heraus und landen wieder in der Geborgenheit der Gruppe. Auch werden „Kopfstände“ in alternativer Form gezeigt: Da stehen Menschen mit je einem Fuß auf je einem Kopf eines Mit-Akrobaten.
Bewegung und Dramaturgie im Flow
Im zweiten Teil agieren die Akrobaten verstärkt im Publikum, das bei der Premiere bereitwillig helfende Hände reichte, und präsentieren sich selbstironisch mit ihren deutschen Sprachkenntnissen. Auch wenn eine Art teils queere Modenschau zu einem Verdrängungswettbewerb unter Rampensäuen eskaliert oder die Schauspielerin in die Rolle einer deplatzierten Erzieherin gerät, gibt es in „Bello!“ keine Entwicklung, die sich mit Maßstäben der Schauspieldramaturgie angemessen beschreiben ließe.
Im Unterschied zu klassischem Zirkus oder sportlichem Tanz zu Lande oder auf Eis, gelingt es der Inszenierung, die Akrobat:innen dem Publikum nahe zu bringen. Sie sind charmant und offen, wirken abgesehen von kurzen inszenierten Rollenspielen als „authentische“ Menschen.

Antonio Panaro bei einem Solo inmitten des Publikums. Foto: Andy Phillipson
Den Schauspielkritiker hätte noch mehr an Figurenentwicklungen interessiert, er fand manchen pseudo-poetisierenden Text verzichtbar. Als Gesamtkomposition ist „Bello!“ jedoch eine im Wortsinne schöne Veranstaltung. Entspannt wirkende Virtuos:innen des eigenen Körpers finden sich als Gruppe zusammen. Und das ist dann im Grunde ein politisches Statement.