Protagonistin auf dem Screen: Caroline Peters in „Die Maschine steht nicht still“
Schauspiel,

Gefangen in der Virtualität

Caroline Peters, Ledwald: Die Maschine steht nicht still

Theater:Wiener Festwochen, Premiere:02.06.2022 (UA)Vorlage:Die Maschine steht stillAutor(in) der Vorlage:E. M. Forster

Ein dreidimensionales Geflecht aus Gitternetzlinien überzieht den weißen Raum, breitet sich rotierend aus und schafft eine Art virtuellen Kokon, erfüllt von einlullenden Synthetik-Sounds. „Meine liebe Kuno, mein Töchterchen, komm zu mir“, erschallt eine knarzig-verzerrte Stimme. Und mit ihr erscheint die riesige Projektion eines schnurrbärtigen Herrn auf einem Schwarzweiß-Foto, das sich wie von Zauberhand zu verlebendigen scheint: „Schau mir in die Augen, Kind. Benutz die Straße. Und dann sieh, was Isadora dir niemals wird zeigen können“, lautet die kryptische Botschaft, die die Adressatin im Zentrum dieser simulierten Wirklichkeit nur mit einem abschätzig-ratlosen Lächeln quittiert.

Dialog mit dem Abbild eines Dichters

Es ist Caroline Peters, die als Kuno in einem grünen, futuristisch anmutenden Abendkleid und mit Fingernägeln aus langen Stoffbändern (Kostüm: Flora Miranda) in einen virtuellen Dialog mit dem Abbild des britischen Dichters Edward Morgan Forster (1879-1970) tritt. Dessen berühmte Science-Fiction-Kurzgeschichte „The Machine Stops“ bildet den losen Bezugspunkt von „Die Maschine steht nicht still“, einer multimedialen Performance, die Burg-Schauspielerin Peters (Konzept und Text) gemeinsam mit Ledwald, einer Gruppe von MedienkünstlerInnen, als Auftragswerk der Wiener Festwochen im Theater Nestroyhof Hamakom zur Uraufführung brachte.

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Zu Recht erinnert Peters an Forsters visionär-dystopische Erzählung aus dem Jahr 1909, mit der der Dichter von Gesellschaftsromanen wie „Wiedersehen in Howards End“ und „Zimmer mit Aussicht“ auf frappierende Weise unser gegenwärtiges Internetzeitalter voraussah, Jahrzehnte, bevor es die ersten Computer gab. Als ebenso medien- wie gesellschaftskritische Warnung vermittelt er die Abhängigkeit vollkommen isolierter, sich selbst und einander entfremdeter Menschen von einer als gottgleich verehrten Maschine, die scheinbar alle Bedürfnisse befriedigt. Durch sie wird in Form „blassblauer Bildschirme“ miteinander kommuniziert, sodass niemand mehr seine eigene Wohnzelle verlassen muss. Das direkte Erleben wird durch eine Second-Hand-Realität ersetzt, die Mündigkeit der Bequemlichkeit geopfert.

Dementsprechend finden auch Partys nur noch virtuell statt: Mit großen Wischgesten eliminiert Kuno „Lear’s Choice“, ein Videospiel, das ihr das Betriebssystem Isadora, mit dem sie in ständigem Dialog in einer Art symbiotischen Liebesbeziehung lebt, auf die durchscheinende Schleierwand vor dem Publikum projiziert. Gemeinsam wird gekocht. Als Projektion in neunfacher Ausführung, aber in unterschiedlichen Kostümen, sitzt Peters mit ihren vepixelten Freundinnen an einer imaginären Tafel. Sie essen Dorade mit Austernfüllung und fühlen sich als Speerspitze der Zivilisation: „Seit wir Adrenalin direkt spritzen, können wir endlich alles glauben und spüren, was wir sehen, und brauchen nichts mehr wirklich.“ Das postfaktische Zeitalter ist angebrochen, „es ist nicht länger tabuisiert zu fabulieren“, doziert die vielfarbig oszillierende Kuno (Visuals: Eric Dunlap) von der Leinwand: „Wir streben nicht nach Erkenntnis. Wohin soll die schon führen. Stillstand ist Freiheit in unserem Zeitalter der Maschine“ Zärtlich küsst sie die Projektion ihrer selbst.

Gut gelaunte One-Woman-Show

 Auf der Bühne begleitet von einer Live-Kamera (Andrea Gabriel) und einem DJ (am Pult Sounddesigner Lars Deutrich), entpuppt sich Peters‘ Performance über unser Leben mit künstlicher Intelligenz als gut gelaunte One-Woman-Show, die sich in der Verspieltheit nicht sonderlich origineller Videoprojektionen erschöpft, ohne dabei an den gesellschaftskritischen Gehalt, die Sprachkraft und analytische Schärfe ihrer Vorlage heranzureichen. Durch die im Kontrast zur Technisierung eher konventionelle und ironiefreie Spielweise von Peters verwundert die unvermittelte Kehrtwende ihrer Figur am Ende umso mehr: Wütend entlarvt Kuno nach einem erneuten Anruf des Vaters Isadora als mathematisches Programm, dem sie als Mensch alleine durch die Fähigkeit zu fühlen überlegen sei. Durch einen kleinen Schlitz in der Projektionsfläche entschlüpft Kuno schließlich dem virtuellen Gefängnis in unsere scheinbare Realität, einsam zurück bleibt Isadora als singende Skulptur aus Kugeln: Patsy Clines melancholisches „Crazy“ von 1961 erklingt, ohne dass der etwas naiv-affirmative Abend die realen Probleme unseres digitalisierten Zeitalters zwischen überfordernder Vernetzung und Einsamkeit wirklich berührt hätte.