Die erwähnten Doppelbesetzungen verweisen auf einen fundamentalen Kunstgriff der Uraufführungsinszenierung von Jasper Brandis: Er besetzt alle Rollen mit Frauen. Und auch wenn Männer gespielt werden, sind die Darstellerinnen klar als Frauen erkennbar. So bleibt stets deutlich, dass Frauen im Machtspiel männliche Verhaltensweisen kopieren, sie gelegentlich karikieren, aber ihre Weiblichkeit nicht leugnen. Der leere Raum (Ausstattung: Andreas Freichels) wird zunächst beherrscht von einer Scheinwerferbatterie und einer Brücke auf halber Höhe, auf der der Kreon der Anne Simmering im Halbdunkel (Licht: Johannes Grebing) agiert, während der geifernde Ödipus der Christel Mayr aus dem „Keller“ (Kerker?) steigt. Anne Simmering, deren Gesicht einer eingefrorenen Charaktermaske gleicht, agiert als Kreon zumeist von ihrem Sessel aus, in der Stimme gefährlich leise, nur in wenigen Ausbrüchen wird sie emotional. Sie scheint gebrochen, schaut dem Spiel zu, auch dann, wenn es sie selbst betrifft. Emma Lotta Wegner betont als Eteokles erst einmal die Männlichkeit, wirkt dabei aber zunehmend karikaturenhaft. Ähnlich die gar nicht so selbstbewusste Antigone der Marie Luisa Kerkhoff – zumal, wenn sie den Polyneikes spielt.
In seiner Regie fokussiert Brandis auf die Sprechoper. Mit Licht und Nebel zaubert er schöne Bilder mit nur wenigen großen Gesten, die vor allen Dingen der Antigone vorbehalten sind. Da legt sie schon einmal die Hand aufs Herz oder erscheint, wenn es zur Verurteilung geht, im weißen Kleid, dass am Ende blutbefleckt ist. Das wirkt gewollt statuarisch weggerückt, wie ein Gang durch das Antikenmuseum.
