Namen tragen hier nur die Russen. Georgi, der kriegerische Geistliche, oder Wassilij, sein Sohn. Und dass hier manche in Doppelrollen auf beiden Seiten der Front auftauchen, ist nur folgerichtig: Yvonne Rupprecht als besoffene Tante daheim im Reich wie als Mutter, die die verhungernde Tochter Zenja (Magdalena Neuhaus) verzweifelt am Leben hält. Und Kammerschauspielerin Almuth Schmidt ist mal die Leiche, deren Essensrationen den Hungernden Aufschub gewähren, mal der kriegszerstörte Opa.
Dürr sind die Sätze, karg und archaisch die Worte, in denen das Kieler Autorenduo ausgehend von der Belagerung Leningrads durch die Deutschen menschliche Zerrbilder entwirft, in denen sich die fortschreitende Brutalisierung eindrucksvoll spiegelt. Ort- und zeitentrückte Episoden, die die Regisseurin aber deutlich auf den konkreten historischen Anlass hin nachschärft. So klar, dass am Ende kaum Fragen bleiben.
Sinnlicher, komischer und privater geht es nach der Pause rund um Adam zu, den Offizier, der im Libanonkrieg die Belagerung Beiruts verweigert – im Privatleben aber mit der Familie, Kameraden und verflossenen Geliebten hadert. Von der Tochter, die den Militärdienst verweigert, bis zum Vater mit dem Holocaust-Trauma hat hier fast jeder seine Leiche im Keller. Da stellt Moshkowitz seinem Helden – Marco Gebbert spielt ihn zwischen großem Jungen und Berserker – eine gewitzte Eselin (herrlich vorwurfsvoll präsent: Jessica Ohl) zur Seite, was schon mal für einen witzig ironischen Schlagabtausch in Sachen Moral, Holocaust und Nahostkonflikt sorgt. Und die Frage aufwirft, ob das überhaupt vergleichbar sei.
Auch danach wird wortreich disputiert, Moshkowitz befragt und diskutiert den Text. Und er dekliniert anhand der Gebote und Familienmitglieder die Versatzstücke israelischer Identität durch – was die Geschichte leider ziemlich vom Grundthema und dem schön farcehaften Beginn entfehnt. Dedi Baron, gern gesehener Regie-Gast in Kiel, fängt das in ihrer mal handfest, mal poetisch flirrenden Inszenierung nur zum Teil wieder ein. Wenn der Kinderchor der Heiligengeist-Gemeinde die Gebote intoniert – als Chor, Mantra oder Mentetekel. Oder wenn sich auf dem Boden ein blutrotes Orientteppichpuzzle ausbreitet, weil die Kriege im kollektiven Gedächtnis längst ununterscheidbar geworden sind.
