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Fack ju lutter

Dieter Forte: Martin Luther & Thomas Münzer oder Die Einführung der Buchhaltung

Premiere: Theater: Theater Augsburg
Regie: Maik Priebe   Foto: Jan-Pieter Fuhr 
Von Klaus Kalchschmid am 25.11.2017

Am Anfang war die Bühne wüst und leer, doch dann kamen die Komödianten: mit ihnen ein großer Thespis-Karren, Kleiderständer und riesige Matten, die, aufgefaltet und dekorativ über Eck auf der Bühne ausgelegt, eine große (fiktive) Europa-Karte ergeben. Die sieben Schauspieler und zwei Schauspielerinnen des Theaters Augsburg, noch in eierschalenfarbene Bodies gekleidet und weißgeschminkt, lechzen sichtlich und hörbar danach, endlich ihre hohe, manchmal auch betont niedere Kunst zeigen zu dürfen und werfen sich erst in historisierend prächtige Kostüme (Ausstattung: Susanne Maier-Staufen), die sie vielfach wechseln, dann ins pralle Geschehen.

Grell, laut und bunt reflektiert Dieter Forte in seinem Stück von 1970, das einst für Furore sorgte, viel gespielt und übersetzt, verfilmt und als Hörspiel bearbeitet wurde und ungekürzt zehn Stunden dauern würde, Geschichte zur Lutherzeit: Da schachern Albrecht von Brandenburg und der Papst um das Erzbistum Mainz, wird der absurde Blüten treibende Ablasshandel samt Ablassprediger Tetzel herrlich durch den Kakao gezogen und der Papst schon mal von einer tüteligen, aufgekratzten Schauspielerin gegeben (Natalie Hünig). Außerdem treten auf: Kurfürst Friedrich von Sachsen, Kardinal Cajetan, der Friedrich auf dem Reichstag zu Augsburg auffordert, Luther der Kirche auszuliefern, Kaiser Maximilian, Jakob Fugger, sein Buchhalter Matthäus Schwarz sowie allerlei (Un-)Würdenträger in schönstem Kardinalsrot. Luther – hier eigentlich eher eine jämmerliche Witzfigur – wechselt schon mal das Geschlecht und die Schauspielerin, die grade noch den großen Reformator als kleines Mönchlein spielte, wird nun zu seinem Gegner Thomas Münzer. Was es mit seinen 95 Thesen auf sich hat, wie der Widerruf auf dem Reichtags zu Worms abgelaufen ist, was es mit seiner Schutzhaft auf der Wartburg auf sich hat, das wird alles thematisiert, aber nie vertieft. Es wird gesächselt, schwäbisch und hessisch gebabbelt oder in weanerischem Schmäh um Geld gebettelt: So hat die Aufführung in der Regie von Maik Priebe bis zur Pause nach anderthalb Stunden großes Tempo, ist randvoll gefüllt mit Sottisen und Situationskomik, bietet Fakten unterhaltsam aufbereitet ebenso wie Geschichtsklitterung und ist immer mit breitem Pinsel gemalt. Dadurch wirkt der Abend auch irgendwann ermüdend, so erfolgreich sich Marlene Hoffmann und Natalie Hüning, Klaus Müller und Kai Windhövel, Andrej Kaminsky, Sebastian Müller-Stahl und Sebastian Baumgart, Patrick Rupar und Daniel Schmidt – vor allem als tuntiger Geheimsekretär – erfolgreich um die komische, aber auch bittere Satire bemühen.

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Nach der Pause schauen wir für eine restliche Dreiviertelstunde auf die weiße Brandmauer. Der Thespiskarren, der schon mal eine Disco sein oder auf seinem Dach beflaggte Burgzinnen imaginieren konnte, ist verschwunden, das Gerüst, in dem Stefan Leibold im Harlekinskostüm wunderbar mit Flöte, Syntheziser und simplem Schlagwerk raffiniert die Bühnenmusik gab, zum Wachturm umfunktioniert. Die Schauspieler sind abgeschminkt, tragen ihre Haare offen und keine Kostüme mehr, nur noch ihre Unisex-Bodies. Kaum sie erkennend, bewundert man im Nachhinein, wie wandelbar sie in den verschiedensten Rollen waren. Der von Münzer initiierte Bauernaufstand ist gescheitert, das Volk verarmt. Zwölf (!) aus schwarzem Holz grob gezimmerte Kirchlein (!) dienen nun als Sitzmöbel für eine Art Requiem, bei dem schon mal gemeinschaftlich auf mutmaßlichen Bibeln getrommelt oder im Wechsel skandiert wird: „Ich bin Luther“. Mehrstimmig wird am Ende dessen berühmter Choral „Eine fest Burg ist unser Gott“ gesungen. Black Out und viele Fragen offen.   

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