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Es gibt Hänsel-Shake!

Engelbert Humperdinck: Hänsel und Gretel

MusiktheaterPremiere: Theater: Nationaltheater Mannheim
Regie: Victoria Stevens  Musikalische Leitung: Alexander Soddy   Foto: Hans Jörg Michel 
Von Ulrike Kolter am 14.12.2020

Hier bäckt die Hexe keine Lebkuchen, sondern will Gretel-Split und Hänsel-Shake herstellen in der rotierenden Eismaschine ihres „Leckermaul“-Trucks. Für die Neuproduktion von Humperdincks-Märchenoper am Nationaltheater Mannheim setzt Regisseurin Victoria Stevens ganz aufs Hier und Jetzt: Geldsorgen gibt’s schließlich nicht nur im Märchen. Hänsel trägt Kapuzensweatshirt, Rucksack und Spraydose, Gretel löchrige Strumpfhosen unter der kurzen Jeans und der später zu Bruch gehende Milchkrug steht im sonst gähnend leeren Kühlschrank. Besenbinden oder Stricken tut hier keiner, eher kämpft das Familienoberhaupt mit Rechnungen und Bilanzen, während die Mutter rauchend und reisehungrig im TUI-Katalog blättert: „Herrgott, wirf Geld herab!“ 

Die ursprünglich für Anfang November geplante und nun im Rhein-Neckar-Fernsehen ausgestrahlte Premiere ist die vierte White-Wall-Oper der Mannheimer Spielzeit: ein Spielfeld für bildgewaltige Projektionen vor der weißen Wand und natürlich die Option, mit pandemiebedingten Abstandregeln und reduzierter Besetzung auch hinter der Bühne umzugehen. Doch nicht nur Hänsels Graffitis entstehen auf dieser kreativen Krücke: auch der komplette Märchenwald inklusive rot-leuchtender Erdbeeren, irrlichternden Gesichtern auf Baumstämmen, ein traumhafter Sternenhimmel und später eben der heranfahrende Eis-Truck von Hexe Rosina Leckermaul, aus dem ein Roboter-Greifarm den Kindern Eishörnchen reicht (Video: Judith Selenko, Bühne: Anna-Sofia Kirsch). Dass Hänsel und Gretel ihre Waldnacht in zwei herabschwebenden, nagelneuen Kuppelzelten verbringen, widerspricht zwar dem finanziellen Background der Familie, gibt dafür aber ein hübsches Bild ab. 

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All das ist unterhaltsam, üppig visualisiert und mit einem formidabel spielfreudigen Ensemble umgesetzt: Jelena Kordićin ist ein fideler, gut artikulierender Hänsel, Amelia Scicolone gibt mit warmer Höhe ein famoses Rollendebüt als Gretel, Kammersänger Thomas Jesatko überzeugt als Vater, Marie-Belle Sandis als Mutter Gertrud. Einzig die rosa Knusperhexe von Raphael Wittmer klingt zeitweise übersteuert, da schienen Technik oder Bühnen-Position nicht ausgefeilt. Die Kammermusikfassung unter dem flotten Dirigat von Mannheims Generalmusikdirektor Alexander Soddy kann zwar keinen spätromantischen Live-Klang ersetzen, erst recht nicht in einer auf 90 Minuten gekürzten Fassung. Aber sei‘s drum: Man sitzt eben nicht im Theater, sondern muss sich pandemisch arrangieren, und das gelingt hier im musikalischen Zusammenspiel überwiegend homogen – bis zum finalen „Erlöst, befreit“, das der Masken-tragende Kinderchor von den Emporen des Zuschauerraums glockenklar gen Bühne hinübersingt.

Dass sich die Familie zum „Vater, Mutter...!“ nicht in die Arme schließen darf, sondern gehemmt abstandskonform voreinander stehenbleibt, ist dann der wohl merkwürdigste Moment einer fluffigen Neuproduktion, die allen Theaterhunger für beglückende anderthalb Stunden vergessen macht. 
 

Nach der TV-Premiere im Rhein-Neckar-Fernsehen ist die Produktion ab dem 19. Dezember auf der NTM-Website als Stream abrufbar! 

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