Foto: Kenneth Mattice, Angela Davis, Lucía Isabel Haas Muñoz und Ensemble © Björn Hickmann
Text:Miguel Schneider, am 8. März 2026
Yara Hassans „West Side Story“ am Theater Hagen zeigt den Klassiker nicht als glatte Musicalikone, sondern als Stück voller Risse. Der Abend erzählt von Liebe gegen Revierdenken, von Zugehörigkeit und Ausgrenzung. Dabei findet er seine stärksten Momente dort, wo Musik, Licht und das Ensemble der Tragödie Dringlichkeit geben.
Seit der Broadway Uraufführung von 1957 steht „West Side Story“ für ein Musiktheater, das Jugendgewalt, Migration und rassistische Grenzziehungen nicht umspielt, sondern ins Zentrum rückt. Als moderne Fortschreibung von Shakespeares „Romeo und Julia“ stehen zwei rivalisierende Gangs in der West Side Manhattans im Mittelpunkt, die Jets und die Sharks. Als sich Tony (Anton Kuzenok), einst selbst Teil der Jets, und Maria (Nike Tiecke), die Schwester von Bernardo (Kenneth Mattice), beim Tanzabend ineinander verlieben, kippt die Lage vollends. Der Versuch, die Feindschaft zu durchbrechen, führt unter einer Brücke in eine tödliche Eskalation und mündet innerhalb der zwei Tage, in denen sich die Handlung abspielt, in eine Tragödie.

Robert Johansson, Angela Davis, Nike Tiecke und Anton Kuzenok in der Kulisse von Yara Hassans „West Side Story“ am Theater Hagen. Foto: Björn Hickmann
Das Bühnenbild von Mara Lena Schönborn setzt dabei nicht auf ein realistisches Stadtbild New York Citys der fünfziger Jahre, sondern auf Backsteinwände, Podeste, Treppen und offene Spielräume, dazu den Brautladen und den angedeuteten Barbershop. Das wirkt zunächst eher unfertig als ortsgenau.
Als Lesart funktioniert es dennoch, denn dieses Gerüst kann auch als aktuell brüchige Hülle eines amerikanischen Versprechens verstanden werden, das nicht zuletzt im politischen Selbstverständnis der USA Risse zeigt. Die Drehbühne, von der Regie selbst als Herzschlag der Tragödie gedacht, strukturiert den Abend gut, indem sie sich dreht und von Seite zu Seite neue Schauplätze freigibt. Dadurch wird die West Side als sozialer Konfliktraum erfahrbar.

Nike Tiecke, Angela Davis und Anton Kuzenok in „West Side Story“ in Choreografie und Inszenierung von Yara Hassan. Foto: Björn Hickmann
Körper im Konflikt
Yara Hassan verfolgt ein straffes Konzept, das Regie und Choreografie eng zusammenführt. Insbesondere die Gruppenszenen besitzen Zug und Präzision. Der Tanzabend und die Begegnungen der Gangs erzählen nicht nur über Schritte, sondern über Haltung, Abstand und Macht. Weniger zwingend geraten die Kampfszenen, vor allem die Konfrontation unter der Brücke. Sie wirken stellenweise zu spielerisch und nicht ganz ausgearbeitet, wodurch die erzählerische Spannung dieser entscheidenden Szene abfällt.
Viel auffangen kann das Licht von Hans-Joachim Köster. Es modelliert Räume, die das Bühnenbild allein nicht immer herstellt und verleiht dem Abend jene Atmosphäre, in die man sich leicht hineindenken kann. Auch die Kostüme tragen stark. Sie verankern die Handlung glaubwürdig in den fünfziger Jahren und erzählen zugleich von Stolz, Verletzlichkeit und Gruppenzugehörigkeit.

Nike Tiecke und Anton Kuzenok in der Hagener „West Side Story“. Foto: Björn Hickmann
Bernstein trägt den Abend
Am beeindruckendsten gelingt diese Hagener „West Side Story“ im Graben. Das Philharmonische Orchester Hagen unter Steffen Müller-Gabriel meistert Bernsteins Partitur mit großer Energie. Die Musik verlangt viel, gerade weil sie Jazz, populäre Idiome und scharfe rhythmische Kontraste nicht bloß addiert, sondern zu einer eigenen dramatischen Sprache verdichtet. Dass ein Hausorchester, das nicht ausschließlich im Musicalfach arbeitet, diese Partitur so sicher trägt, ist eine Leistung.

Andrea Martin, Hyejun Melania Kwon, Lucía Isabel Haas Muñoz, Angela Davis und Erika del Re (v. l. n. r.) in „West Side Story“ am Theater Hagen. Foto: Björn Hickmann
Allerdings gingen Stimmen auf der Bühne zum Teil im Gesamtklang unter und nicht alles Gesungene und Gesprochene war verständlich. Nicht jede Besetzungsentscheidung erzeugt dabei dieselbe soziale Erdung, die dieses Werk heute verlangt. Umso deutlicher treten jene hervor, die dem Stoff wirklich Profil geben. Gerade Maria (Nike Tiecke) und Anita (Angela Davis) fallen dabei besonders auf. Beide überzeugen stimmlich wie szenisch, Anita zudem mit einer Direktheit, die der Figur ihr Rückgrat gibt. Als Bernardos Partnerin und Marias Vertraute bringt sie zugleich Wärme, Witz und die Härte der Realität in das Stück. Auch Kenneth Mattice als Bernardo, seit Jahren Ensemblemitglied in Hagen, bringt viel Autorität und Glaubwürdigkeit ein.
So bleibt ein insgesamt gelungener Abend, der nicht jede Szene gleich stark schärft, aber die emotionale Transparenz dieses Musicals ernst nimmt. Wenn am Ende die Gewalt in Trauer umschlägt, zeigt sich, warum „West Side Story“ bis heute trifft.