Image

Ein Alptraum, der keiner ist

Nach Luis Buñuel: Der Würgeengel

SchauspielPremiere: Theater: Schauspiel Stuttgart
Regie: Viktor Bodó   Foto: Thomas Aurin   
Fotogalerie und weiterführende Informationen zur Inszenierung
Von Manfred Jahnke am 25.10.2020

Buñuels Film „Der Würgeengel“, 1962 in Mexiko gedreht, gilt als Meisterwerk surrealistischer Filmkunst. Nach einem Theaterbesuch feiert eine Gesellschaft – und kann plötzlich den Raum nicht mehr verlassen. Die Partywütigen hängen magisch fest und beginnen sich in ihrer Abgeschlossenheit gegenseitig fertigzumachen und zu verwahrlosen. Gerade dieses Eingeschlossensein in einem Raum, aus dem es kein Entrinnen gibt, macht den Stoff bühnentauglich. In Viktor Bodós Theaterfassung für das Schauspiel Stuttgart, an der Anna Veress, Ingoh Brux und die Übersetzerin Sandra Rétháti mitgearbeitet haben, betreten nacheinander die Spielerinnen und Spieler durch eine Schleuse die Bühne, werden zugleich auf eine Videoleinwand im Hintergrund gezoomt, wobei ein magischer Kreis das rechte Auge markiert (Video: Vince Varga). Sie sind geladen zu einer Krisensitzung einer internationalen politischen Organisation zur Bewältigung einer Panepidemie. Lili Izsák hat dafür einen runden weißen Konferenztisch auf die Bühne gestellt, dazu im Hintergrund eine Übersetzerkabine, in der Celina Rongen und Klaus von Heydenaber sitzen. Die Konferenz beginnt ganz gewöhnlich, eröffnet wird sie von Michael Stiller als Politiker: Nicht alle Mitwirkenden erscheinen sofort im Zoom, Merkel und Putin werden zugeschaltet und die Übersetzer haben viel zu tun. Eine bekannte Situation, die im Publikum Lacher provoziert.

Es folgt ein Kurzschluss, danach scheint die Situation unter Kontrolle zu sein. Erst mit Staunen, später mit Entsetzen stellen die Mitglieder dieser Gesellschaft jedoch fest, dass sie den Raum nicht verlassen können. Sie verlieren jedes Zeitgefühl, entwickeln Durst und Hungergefühle und auch die Beziehungen untereinander werden zunehmend aggressiver. Statt dem Politiker zu folgen, den Michael Stiller wunderbar aalglatt spielt, um am Ende voll abzudrehen, ist nun der Arzt gefragt, den Reinhard Mahlberg als Genussmensch anlegt, der nicht nur von der reichen Erbin (Anne-Marie Lux) verfolgt wird. Sehr bestimmt tritt zunächst Sylvana Krappatsch als Ehefrau des Politikers Nobile auf, aber in dem Maße, wie sie die Kontrolle über das Geschehen verliert, verschlampt sie mit ihren Wuschelhaaren äußerlich immer mehr. Ihre „Affäre“ Christian, von Peer Oscar Musinowski aasig ausgespielt, nutzt die Situation zuerst aus, um aber am Ende ebenfalls voll abzudriften.

Normal bleiben kann in dieser Situation niemand. Nicht einmal die Sängerin der Christiane Roßbach, die nach Hause zu ihren Kindern muss – und doch an diesen Ort gebannt bleibt. Eine wunderbare Szene hat sie, wenn sie, als die Welt noch normal erscheint, am Klavier steht, der Pianist (Klaus von Heydenaber) ihr in immer neuen Wiederholungen den Einsatz gibt – und sie ihn verpasst… Am Ende dann ist ihre Arie zu hören, die alle befreit und den Ausgang über die Hinterbühne finden lässt. War es der verpasste Einsatz, der diese Welt durcheinanderwirbelte? Zumindest ist diese Figur robust, wird zwar in die Abgründe, die sich auftun, miteinbezogen, aber es bleibt immer eine Spur Distanz im Spiel der Roßbach. Neben den genannten haben auch Therese Dörr, Amina Merai, Gábor Biedermann oder Valentin Richter starke Auftritte; so wird Viktor Bodós „Würgeengel“ zum großen Schauspielertheater.

Aber Bodó inszeniert nicht nur sein Ensemble. Er bindet es ein in eine starke Bewegungschoreografie (Mitarbeit: Daura Hernándes García) und lässt dazu auch die Drehbühne rotieren. Mehr noch setzt er diesen geheimnisvollen Bann filmisch in kurze Sequenzen um, die durch Black-Outs getrennt werden. Es entwickelt sich dabei ein hohes Spieltempo, in dem das Zeitgefühl verloren geht. Am Ende weiß der Zuschauer ebenso wenig wie das Ensemble, wieviel Zeit in diesem Raum vergangen ist. Den Spannungsbogen gewährleisten auch die (dramaturgisch genau gesetzten) Entgrenzungen, die diese Gesellschaft von einem lähmenden Staunen über verbale Entgleisungen bis hin zu realen Gewaltakten erlebt. Ein Höhepunkt ist dabei die Verwandlung der Versammelten in eine Schafherde, in der sich das Animalische Bahn bricht. Im roten Licht entledigt man sich der Kostüme (von Fruzsina Nagy) und fällt übereinander her (zumeist mit Maske). Songs wie „Dreams on my reality“ oder „Love hurts“ unterstreichen die Szenen.

Der Würgeengel als Figur aus der Apokalypse wird im Film nur in einer einzigen Szene gegenwärtig, in der Flügelschlag zu hören ist. Auch in der Theaterfassung erscheint der Engel nicht, kann aber als Inkarnation der Panepidemie begriffen werden, die aufzeigt, wie der Extremsituationen ausgesetzte Mensch Liebe in animalische Gewalt transformiert: Beschämt und niedergeschlagen schleichen sich am Ende geschlagene Menschen von der Bühne, tief geprägt von einem Alptraum – der keiner war, sondern Wirklichkeit.

Weitere Kritiken

Comeback der Beweglichkeit
Comeback der Beweglichkeit

Was für ein Comeback! Die erste Wiederbegegnung von Tänzern und Zuschauern in der…

Ballettensemble Stuttgart: Response I
Stuttgarter Ballett
Premiere: 25.07.2020 (UA)
Revolution, fast forward
Revolution, fast forward

Das Theater in Zeiten von Corona pendelt zwischen zwei Extremen: der bewussten Reduktion…

Georg Büchner: Dantons Tod
Residenztheater
Premiere: 30.10.2020
Herangezoomt
Herangezoomt

Die Bühne im Deutschen Theater ist nicht nur coronatauglich – sie erinnert auch auffällig…

Friedrich Schiller: Maria Stuart
Deutsches Theater Berlin
Premiere: 30.10.2020