Unübersehbar ist das Montero-Werk von 2016 auch als Spiegelung von Christian Spucks Totentanz-Variante „das siebte blau“ aus dem Jahr 2000 deutbar. Es ist das letzte und größte Stück dieses mit „Kammertanz“ denn doch etwas tiefstaplerisch betitelten Abends, der die Feinmechanik der Kammermusik in die Patenschafts-Pflicht nimmt. Das funktioniert durchaus, aber es ist eben noch mehr. Der Züricher Ballettchef hat auch mit Live-Streicherklang gearbeitet, dem berühmten Schubertschen „Mädchen“ viele Tode zur vermeintlich letzten Partnerschaft zugeteilt und in dieser herausgeforderten Unendlichkeit das Tabu-Thema aus aller Verkrampfung erlöst. Im Humor, der im Zweifel immer übers kontemplative Irgendwie triumphiert, steckt der größte Unterschied zwischen dem munteren Erzähler Spuck und Monteros stets umwölkt bleibenden Tiefenbohrungen. Die Nürnberger Compagnie ist in der Nachempfindung des einst in Stuttgart entstandenen Stückes ebenso souverän wie in der Maßarbeit ihres Spartenchefs.
Zu Monteros bedeutenden Leistungen gehört, dass er für seine „Zwei plus eins“-Programme, also die Kombination einer eigenen Uraufführung mit den gesetzten Produktionen von zwei arrivierten Kollegen, auch Größen aus anderer Dimension einschließt. In diesem Fall „Approximate Sonata“, von William Forsythe schon 1996 auf der Höhe seiner Frankfurter Zeit entworfen. Ein zeitloses Bewegungs-Mirakel aus rätselhaften Wortfetzen und Klangspurenelementen in Pas-de-deux-Serie. Im ständigen Wechsel der Dynamik baut sich in hochkomplexen Umschlingungen von entkernter Tradition und aufblühender Umdeutung eine Wunderwelt der Kürzel auf. Staunenswert artifiziell heute wie vor 20 Jahren und dabei in allergrößter spielerischer Gelassenheit beim Umgang mit der Auslese-Artistik. Für die große Pose gibt es da, wo sie ins Pathetische zu wuchern droht, einfach einen Schubs. Forsythe behält Witz auch im Extrem, und die acht grandiosen Nürnberger Solisten (Sandra Guenin, Maeva Lassere, Esther Pérez, Natsu Sasaki, Max Levy, Luis Tena, Christian Teutscher, Max Zachrisson) gehen voll auf in der mächtigen Herausforderung. Montero sieht das Stück des verehrten Forsythe als Brücke zwischen seinem und Christian Spucks Stück. Mag sein, vor allem aber ist es ein Motor, der dem Tanztheater auch bei diesem TÜV-Termin unermüdlich Energie spendet.
Dass Nürnberg damit erstmals in den Genuss einer Forsythe-Choreographie gekommen ist, wie das in Ankündigungen und im Programmheft mehrfach stolz verkündet wurde, ist allerdings nicht richtig. Vor gut zwanzig Jahren, als Jean Renshaw das kurzzeitige Experiment „Tanzwerk Nürnberg“ mit dem Opernhaus-Ballett leitete, war sie auch schon im Frankfurter Repertoire fündig geworden. Sei`s drum – gute Ideen kann man gar nicht oft genug haben.
