Aufführungsfoto von „Frida“ von Annabelle Lopez Ochoa am Theater Dortmund. Eine Tänzerin steht vor einer bunten Leinwand. Die Hände auf ihren Bauch gelegt. Zusammen mit der Leinwand wird die Tänzerin zu einem bunten Schmetterling.

Der Tod trägt Sombrero

Annabelle Lopez Ochoa: Frida

Theater:Theater Dortmund, Premiere:13.02.2026 (DE)Musikalische Leitung:Olivia Lee-GundermannKomponist(in):Peter Salem

Rausch der Formen und Farben: Choreografin Annabelle Lopez Ochoa verbindet in „Frida“ am Theater Dortmund Leben und Fantasie der mexikanischen Künstlerin Frida Kahlo zu einem Kunst- und Tanzpanorama mit hypnotischer Kraft.

Das Lebenselend der mexikanischen Künstlerin Frida Kahlo (1907 bis 1954) vollendete sich unter dem Rausch der Farben und Formen ihrer Gemälde. Diese starke und affirmative Üppigkeit hat die flämisch-kolumbianische Choreografin Annabelle Lopez Ochoa zum wesentlichen Thema ihres 2020 für Amsterdam entstandenen Kunst- und Tanz-Panoramas gemacht. Ihr im Nebeneinander von Biografie und Fantasie sehr wirkungsvoll gestaffeltes Handlungsballett „Frida“ gelangte nach Reprisen in Santiago de Chile, Arizona, Hongkong und Maribor als deutsche Erstaufführung einer Koproduktion mit der Oper Wrocław auf die Bühne des Opernhauses Dortmund.

Farbige Ekstase

Lopez Ochoa, diese Spielzeit mit Edward Clug Artist in Residence des Ballett Dortmund und des NRW Juniorballett Dortmund, nahm nach der Premiere den nicht enden wollenden Applaus des begeisterten Publikums entgegen. Die bereits durch Kinderlähmung gehandicapte, nach einem katastrophalen Unfall in Mexiko-Stadt bis zu ihrem frühen Tod im Alter von nur 47 Jahren noch mehr physisch reduzierte, Frida Kahlo fand durch ihr Leid zur Kunst. „In meinem Leben gibt es zwei große Unfälle.“, sagte sie. „Einer war der mit der Straßenbahn – der andere war Diego Rivera. Diego war bei weitem der schlimmere.“

Aufführungsfoto von „Frida“ von Annabelle Lopez Ochoa am Theater Dortmund mit Sae Tamura und Simon Jones. Der Tänzer trägt ein Sensenmann-Kostüm und hält die Tänzerin im Arm, die ihn anblickt.

„Frida“ von Annabelle Lopez Ochoa am Theater Dortmund mit Sae Tamura und Simon Jones. Foto: Leszek Januszewski

Die in bewegte Tanzbilder übertragenen Kunstschöpfungen Kahlos wurden zum großartigen Teil des Abends. Zum Ringen Fridas mit sich selbst, der Umwelt und ihren Visionen gelingen auf der großen Bühne starke Szenen. Die Farbigkeit der Blüten, Augen und Stoffe aus Fridas seit 1926 entstandenen Bildern wächst durch die weiten Raumdimensionen zu hypnotischer Kraft. Die eigens entstandene Partitur von Peter Salem, der nach „Coco Chanel“ und „Endstation Sehnsucht“ erneut mit Lopez Ochoa zusammenarbeitete, motiviert überdies zu plastischer choreografischer Beweglichkeit. Lieder der mexikanischen Ranchera-Sängerin Chavela Vargas unterbrechen den coolen Flow von Salems Komposition, die weder sich selbst noch den Gesamteindruck überfrachtet. Der luftige Instrumentalsatz mit vielen Soloinstrumenten und akustischen Raumeffekten passt perfekt zur Choreografie. Die Dirigentin Olivia Lee-Gundermann kultiviert mit den Dortmunder Philharmonikern und dem Ton-Team unter Dominik Rosenthal musikalische Effektsicherheit mit maßvollen wie extrovertierten Akzenten aus der mexikanischen Folklore.

Visionäre Sequenzen

Ästhetische Brillanz zeichnet bei Lopez Ochoa die visionären Sequenzen über Fridas Bildsprache aus. Immer wieder erscheint ein Oktett von farbigen Frida-Figuren in männlicher Besetzung. Die Episoden über Fridas biografische Extremzustände hätten vielleicht intensiver entwickelt werden können. Sae Tamura in der führenden Position hat virtuose Momente. Später durchdringt Tamura intensiv das Verzweifeln Fridas über ihre körperliche Hinfälligkeit, indem die Bewegungen stiller werden und Tamuras zarter Körper das langsame Sterben mit bis in die entferntesten Stellen des Zuschauerraums spürbaren Minibewegungen zeigt.

Um Tamura werden Symbolfiguren aus Fridas kreativer Welt zu Körpern: das Reh (Liberty Fergus), der Vogel (Kasumi Iwata), die Königin der Blätter (Daria Suzi). Eine menschliche Wirbelsäule kommt als Projektion hinter der als eigene Figur entwickelten Frau mit gebrochener Wirbelsäule (Júlia Baró Claveria) ins Bild.

Wichtige weibliche Stimme im Handlungsballett

Lopez Ochoa versteht sich als wichtige weibliche Stimme im noch immer von männlichen Choreografen dominierten Handlungsballett. Sie verwendet auch Elemente des in der Gender-Kritik als patriarchales Machtmittel attackierten Spitzentanzes. Die maßvoll mit Dekorationselementen besetzte Bühnenfläche durchdringt das fantastische Lebensbild mit farblicher Leichtigkeit trotz der niederschmetternden Schicksalsschläge auf Frida. Hier zeigt sich der imponierend hohe technische Standard des Ballett Dortmund. Auch die Ausstattung von Dieuweke van Reij begünstigt diese Leichtigkeit, in der das Dunkle fleckenartig gegenwärtig bleibt.

Schon vor Fridas Unfall, wenn Elektrofahrzeug-Attrappen den dichten und gefährlichen Verkehr zeigen, erscheint der Tod in Gestalt einer Gruppe von Skeletten. Damit greift Lopez Ochoa die spezifische Mentalität Mexikos in Auseinandersetzung mit dem Tod auf – mehr burlesk als massiv. Manchmal tragen die Skelette Sombreros.

Die exzessive Reibung in Fridas Lebensbeziehung zu dem Maler Diego Rivera zeigt sich dagegen durch professionelle Souveränität. Nur Diego bringt trübe Erdfarben ins Geschehen. Dadurch wird Filip Kvačák zwar nicht zum flachen Beau, erhält von Lopez Ochoa aber kein diese wichtige Figur schärfendes Profil. Dafür löst Lopez Ochoa die Membran zwischen der ‚realen‘ Außenwelt und Fridas reichen Innenwelten fast zur Gänze auf – fantastisch schön.