Foto: Streit im Ehebett geht bis auf's Blut. © Monika Rittershaus
Text:Georg Kasch, am 1. Februar 2026
Die Komische Oper Berlin bringt Schostakowitschs Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ in einer Inszenierung von Barrie Kosky auf die Bühne. Ein herausragender Abend, der wenig zu wünschen übrig lässt.
Der Abend endet, wie er begonnen hat: mit Katerina alleine auf der leeren Bühne. Eben noch hatte sie in einer Aufwallung von Eifersucht, Hass und grenzenloser Enttäuschung ihre Nebenbuhlerin Sonjetka umgebracht. Erdrosselt mit ebenjenen Strümpfen, die Katerinas Geliebter Sergej ihr unter falschen Gründen abgenommen und an Sonjetka weitergegeben hatte. Jetzt hockt sie an der Rampe, starrt ausdruckslos ins Publikum. Dann zieht sie eine Waffe und schießt sich in den Kopf.
Das Buh, das danach durch die Stille gellt, ist der einzige Misston dieses Abends. Ob es dem geänderten Schluss galt? Eigentlich endet Dmitri Schostakowitschs Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ damit, dass Katerina Sonjetka erst ins Wasser stürzt und sie selbst hinterherspringt. Dass sie hier ihre Waffe nicht etwa dazu nutzt, sich einen Weg freizuschießen, sondern um sich das Leben zu nehmen, ist konsequent. Wo sollte sie denn hin? Und wer kann in einer so mitleid- und erbarmungslosen Welt wie dieser überleben wollen, wenn ihm der letzte Strohhalm – zu lieben und geliebt zu werden – genommen wird?
Von Beginn an ausweglos
Von Anfang an zeigt Regisseur Barrie Kosky eine Gesellschaft, von der wenig zu erwarten ist. Rufus Didwiszus‚ Bühne ist grau und leer. Nur wenige verdorrte Pflanzenreste ragen hervor. An der Rückwand zieht sich eine lange Bank entlang. Manchmal ist die Bühne voller ebenfalls grauer Tische und Stühle. Manchmal steht Katerinas Ehebett allein im Zentrum, dessen bunte Decken und Kissen so etwas wie ein Versprechen abgeben: Könnte hier das Paradies liegen?

Eine Bühne, die mit wenig auskommt. Foto: Monika Rittershaus
Nur für Momente. Denn Katerina ist mit dem Großbauern Sinowi verheiratet, der ihr nichts abgewinnen kann. Beide leiden unter der Herrschaft von Sinowis Vater Boris. Allerdings entsteht daraus keine Solidarität. Trost findet sie in den Armen des Arbeiters Sergej. Als sie entdeckt werden, müssen Schwiegervater und Mann dran glauben. Als die Morde auffliegen und sie zum Straflager verurteilt werden, ist von Boris‘ Liebe nichts mehr übrig.
Bemerkenswerte Detailarbeit
Schon Schostakowitsch und sein Librettist Alexander Preis erzählen davon (nach Nikolai Leskows gleichnamiger Erzählung). Kosky schärft die Details, geht den grotesken Spuren der Partitur nach. Da stolpert der Pope, der dem sterbenden Boris die Beichte abnehmen soll, im offenen Bademantel und mit Wodkaflasche herbei. Da führen die Polizisten, die Katerinas Hochzeit stören wollen, weil sie nicht eingeladen wurden, ein absurdes Handballett auf. Da sind sich Volksbelustigung und Gewaltausbruch erschreckend nahe. Etwa in der Szene, in der die Köchin vergewaltigt wird und sich schon andeutet, dass Sergej kein Heiliger ist.
Oder in der Hochzeitsszene, in der Katerina wie eine Prinzessin (Victoria Behr hat die klug kommentierenden Kostüme erdacht) über den Menschen schwebt, die sie jetzt feiern und gleich stürzen werden. Der phänomenale Chor der Komischen Oper versieht diese Masse mit durchaus individuellen Zügen, brüllt einerseits Einzelne kraftvoll nieder, findet andererseits differenzierte Farben für die Klage im Arbeitslager.
Orchester spielt Originalfassung
Im Graben beweist James Gaffigan, warum es eine gute Entscheidung war, ihn gerade erst als Generalmusikdirektor der Komischen Oper zu verlängern. Mal hetzen Blechakkorde leer und hohl die Ordnungshüter auf das Brautpaar, mal wird der alte Boris karikiert, wenn er von seiner Jugend singt und dazu ein Walzer durchs Orchester spukt. In den Parodien rumpelt es deftig, duftig aber tupft Gaffigan die Atmosphäre in Katerinas Zimmer hin.
Dass diese musikalischen wie szenischen Parodien auch der russischen Gegenwart 1934 galten, entging den kommunistischen Machthabern nicht: Zwei Jahre nach der Uraufführung besuchte Stalin die Erfolgsoper, danach erschien ein Totalverriss. Die Oper verschwand von den Spielplänen und in der Versenkung, bis der Komponist das Werk 1963 entschärfte.
Heute wird wieder die Originalfassung gespielt. Es wäre auch jammerschade um den – neben Ravels „Boléro“ – berühmtesten Orgasmus der Musikgeschichte, den Schostakowitsch in der revidierten Fassung gestrichen hatte. Kosky lässt Sergej und Katerina dazu so heftig unterm Bett kopulieren, dass sich dabei die Matratze im Takt nach oben wölbt. Aber wenn es drauf ankommt, wird es auf der Bühne still.
Schillerndes Ensemble
Gerade Katerina profitiert davon. Dass dieser Abend so glänzt und – neben Christof Loys „Fedora“-Inszenierung an der Deutschen Oper – den bisherigen Höhepunkt der Berliner Saison markiert, liegt natürlich wesentlich an den erstklassigen Sängerdarsteller*innen. Ambur Braids Glutsopran stößt bei dieser Wahnsinnspartie manchmal seine Grenzen, auch, weil die Sängerin sich nie schont, sondern völlig in der Erkundung dieser geschundenen Seele zwischen Täterin und Opfer aufgeht. Besonders die innigen Passagen berühren, etwa der Monolog „Alles paart sich“. Braid ist zudem eine begnadete Schauspielerin, die für Momente an die große Olivia Coleman erinnert – oft reicht ein verletzter oder trotziger Blick, um eine komplexe Situation zu bannen.
Großartig auch Dmitry Ulyanovs Boris: Sein nahezu grenzenloser Bariton wird hart im Knechten, aber weich, ja schmierig, wenn er sentimental wird. Sean Panikkar beeindruckt nicht nur durch seinen verführerischen Tenor, in dem aber auch immer etwas Lauerndes, Gewaltvolles mitschwingt. Sondern auch durch seine Oberarme. Kein Wunder, dass Katerina ihm verfällt. Oder Caspar Krieger als der Schäbige, ein beeindruckender Charaktertenor, den Kosky hier zu einer Schicksalsfigur, als Stellvertreter einer verkommenen Gesellschaft, inszeniert.
Damit hat Berlin wieder eine durch und durch beeindruckende „Lady Macbeth von Mzensk“ – nach Ole Anders Tandbergs grandioser Version 2015 an der Deutschen Oper (mit Evelyn Herlitzius!) und der ebenfalls klugen Fassung von Hans Neuenfels 2004 an der Komischen Oper. Natürlich denkt man jetzt bei Kosky zuweilen an’s Russland von heute. Aber die Inszenierung ist auch eine Warnung: Wehret den Anfängen. Seid menschlich!