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Die Kunst des Geschichtenerzählens

Saša Stanišić: Hey, hey, hey, Taxi!

SchauspielPremiere:  (UA)   Theater: Theater im Marienbad
Regie: Christoph Müller   Foto: MiNZ & KUNST PHOTOGRAPHY 
Von Manfred Jahnke am 03.10.2021

Auch Autoren erzählen ihren Kindern Geschichten beziehungsweise entwickeln diese gemeinsam mit ihnen. Aber nicht immer finden diese Erzählungen den Weg in die Öffentlichkeit. Saša Stanišić hat es mit „Hey, hey, hey, Taxi“ geschafft: Im Frühjahr 2021 erschienen seine 27 Geschichten im Hamburger Verlag mairisch mit den Illustrationen von Katja Spitzer. Die erste Auflage war schnell vergriffen. Mittlerweile gibt es eine zweite. Wunderbare Geschichten, die stets damit beginnen, dass der Erzähler ein Taxi besteigt und mit diesem nicht den Flughafen oder ein anderes reales Ziel erreicht, sondern bei Drachen oder bei Piraten landet.

Gerade auch weil die Geschichten oft damit enden, dass der Autor schnell wieder zu seinem Sohn Nikolai zurückkehrt, bleiben sie offen: Ich als Leser oder Zuhörer kann sie weiterspinnen, zumal der Adressat direkt dazu eingeladen bleibt. In diesen Erzählungen triumphiert die bloße Freude am Erzählen selbst, am Erfinden von absurden Situationen, ohne mit der Moralkeule zu operieren.

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Einer dieser Leser war Christoph Müller vom Theater am Marienbad in Freiburg. Er war so begeistert, dass er sich sofort entschloss, einige dieser Geschichten auf die Bühne zu bringen, vor allem die, die ihn auch persönlich „ansprangen“. In der Vergangenheit hat Müller schon Erzähltheaterstücke gemacht, die ihn als souveränen und charismatischen Spieler auf der Bühne zeigen. Zu „Hey, hey,hey, Taxi!“ hat er sich die Figurenspielerin Vanessa Valk dazu geholt, um die Animation von Objekten zu trainieren. Neun Geschichten hat er ausgewählt, die Verwandlungen vorführen: wie das Taxi beispielsweise zum Klo oder wie statt dem Motor ein Mann im Motorraum liegt. 

Müller entwickelt eine wahre Sinfonie an Geräuschen. Auch die Drachen- und Piratengeschichten am Rhein fehlen nicht. Den Abschluss bildet die Geschichte von der traurigen Giraffe, die glaubt, dass sie nicht gut singen kann, weil sie nur einen kurzen Hals hat. Aber sie hat eine wunderschöne Stimme, wie der Erzähler berichtet und so stolziert sie durch diese Erkenntnis gestärkt aufrecht davon.

Im Zentrum der Bühne im Marienbad steht ein Ape – ein dreirädiger Kleintransporter, der gerne in italiensischen Städten oder in Parks genutzt wird. Auf dessen Ladefläche stehen alle Spielrequisiten (Technik: Bernhard Ott). Die Ladeplanken sind magnetisch, an ihnen bleiben Gegenstände wie Zahnbürsten oder Sprühdose nach dem Gebrauch im Spiel haften. Wenn das Licht angeht, klettert nach einer Weile ein Mann mit Arbeitsklamotten aus der Fahrerkabine und schiebt den Ape nun parallel zum Publikum. Er hat dabei nur einen Schuh an, der andere Fuß ist nackt. Aus dieser Situation heraus – ein gerade aus dem Schlaf gerissener Arbeiter, der sich nun im Alltag wieder einrichten muss – wird beiläufig die erste Geschichte „Klo“ entwickelt.

Das beherrscht Christoph Müller meisterhaft: Situationen entstehen wie nebenbei, ein Blick auf ein Objekt genügt und schon steht dieser Gegenstand im Zentrum der Szene. Kein Requisit ist zu viel auf der Bühne: Von der Feuerwehrwasserhandpumpe bis hin zum kleinen Feuerwerk passt alles. Ein fokussierender Blick von Müller lässt nicht nur die teilweise winzigen Objekte „leben“, sondern schafft gleich ein ganzes Umfeld. Dazu kommt, dass er eine hervorragende Sprachbehandlung beherrscht, einschließlich dem Setzen von Pausen, zumal er stets das Publikum direkt anspielt und dessen Reaktionen gleich aufgreifen kann.

So wie sein konzentrierter Blick Welten für das Publikum öffnet, so ist auch sein gestisches Repertoire fein ziseliert, ja unauffällig, aber genau gesetzt. Wenn er zu einem Gegenstand greift, dann zielgerichtet. Die Handbewegungen bleiben niemals in der Luft hängen, sondern werden vollendet ausgeführt, alles Überflüssige weggelassen. Das fühlt sich für mich als Zuschauer ganz leicht an, setzt bei mir Emotionen frei und lässt mich vor allen Dingen spüren, hier liebt und lebt einer mit seinen Figuren. Ein grandioses Spiel für Jung und Alt.

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