Szene aus "Bären"
Schauspiel,

Die Grenzen der Freiheit

Wunderbaum: Bären

Theater:Theaterhaus Jena, Premiere:12.05.2022 (DE)Vorlage:A Libertarian Walks into a BearAutor(in) der Vorlage:Matthew Hongoltz-HetlingRegie:Suze MiliusKomponist(in):Bo Koeck

Selten wurde so erbittert um die Bedeutung von Freiheit gestritten wie in den vergangenen Jahren und Monaten: Ist die Maskenpflicht eine Zumutung für individuelle Rechte oder Schutz für die Rechte der Menschen, die sich nicht mit Viren infizieren wollen? Diese Debatten, die vor allem in den reichen Nationen fast bis zur Zermürbung geführt wurden, greifen das Theaterhaus Jena und das Theater Rotterdam auf, ohne wirklich ein Urteil zu fällen.

In dem Stück „Bären“ geht es nämlich um eine Geschichte, die weit weg scheint: 2004 gründeten sogenannte Libertäre das Freetown-Projekt im US-amerikanischen Bundesstaat New Hampshire. Sie wollten der Welt beweisen, wie gut das Leben ohne staatliche Einmischungen funktionieren kann, ohne Vorschriften oder Steuern. Doch der Ort Grafton machte andere Schlagzeilen, weil es zu ungewöhnlichen Bärenangriffen kam.

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Damals wurde der Journalist Matthew Hongoltz-Hetling durch Zufall auf diese Bären-Epidemie aufmerksam und begann zu recherchieren. Im Herbst 2020 erschien sein „A Libertarian Walks into a Bear“ fast schon als ein Buch der Stunde. Denn es zeigt, dass das libertäre Denken und das Verhalten der Bären eng zusammenhängen. Diese Beobachtungen greift die Produktion „Bären“ auf. Herzlich willkommen in dem kleinen, naturnahem Grafton.

Bühnenbildner Theun Mosk hat eine heruntergekommene Schießbude mitten in den sonst nackten Theatersaal gebaut. Die Schilder wirken ausgeblichen und die Kuscheltiere starren vor Staub. Die Leuchtstoffröhren in der Bude sorgen immer wieder für spannende Lichtstimmungen. Dann tritt das lebendig gewordene Klischee eines amerikanischen Wildhüters in olivfarbener Uniform neben den Schießstand: großer Hut, Sonnenbrille und ein Bart wie Yosemite Sam. Doch der Wildhüter ist kein Heißblut: Eine tiefe Stimme erklärt langsam auf Amerikanisch (deutsche Übertitel werden eingeblendet) den richtigen Umgang mit Bären. Mit wunderbarer Bühnenpräsenz bewegt Maartje Remmers dazu die Lippen.

Das trifft jedoch nicht immer auf offene Ohren. In der Schießbude tauchen die Libertären auf. Lotte Goos hat sie in vielsagende Kostüme gesteckt, die mal nach Punk, Südstaaten-Unternehmer oder Aussteiger aussehen. Mit beeindruckender Energie erzählt das Ensemble, warum der Staat sie so nervt: Walter Bart steigert sich zu einem vertiblen Wutausbruch, als der Wildhüter empfiehlt, den Müll in dichten Behältern aufzubewahren. Matijs Jansen geriert sich wie ein Prediger aus evangelikalen TV-Shows. Wine Dierickx wirkt wie der typische Hippe, der jedem seine Idee schmackhaft machen will. Marleen Scholten zeigt sich davon unbeeindruckt, aber verfällt in seltsame Zuckungen – als wäre sie ein Werbär.

Das Paradox der Freiheit

Die Inszenierung von Suze Milius hält sich an den Leitspruch guter Reportagen: Show, don’t tell. Sie zeigt die Figuren in ihrer Pracht und Absurdität. Das sorgt immer wieder für Lacher, erschöpft sich aber auch bald. Denn die auf ihre Weise extreme Weltsicht ist schnell erzählt und mehr passiert zunächst nicht.

Spannender wird es im zweiten Teil: Walter Bart schafft es mit Donuts endlich, die von ihm so geliebten Bären anzulocken und es kommt zu einer befremdlichen Intimität. Es werden immer mehr, bis alle Darstellerinnen und Darsteller in Bärenkostümen mit anarchischem Langmut die Bühne zerlegen. Ziemlich geschickt verdeutlicht die Inszenierung viele Aspekte der Geschichte: Dass diese Libertären mit ihrer Nur-der-Stärkere-überlebt-Mentalität den Tieren ziemlich nahe sind, aber auch das natürliche Gleichgewicht stören. Die Frage, wem man noch die Schuld geben kann, wenn keiner mehr Verantwortung übernimmt. Und welche Freiheit mehr zählt: der freigelassene Zorn auf die Bären oder die Liebe zur intakten Natur.

Natürlich kann das Publikum über all das herzlich lachen. Gerade weil es so exotisch wirkt, macht es großen Spaß, die Aluhut-Träger, Impfgegner und Masken-Verweigerer darin zu sehen. Genau genommen sind sie und ihr Denken gerade wegen der Unterschiede umso besser zu erkennen. Doch hier reißen die Bären offene Türen ein: Wer diese Vorstellungen besucht, ist sich sicher, die Grenzen dieser Weltsicht längst verstanden zu haben. Erst zum Schluss deutet sich an, dass auch die Libertären nicht ganz unrecht haben könnten und Solidarität schnell in Gruppenzwang umschlagen kann. Wer genau aufpasst, kann etwas über Freiheit lernen – aber leider nicht viel.