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Der Wahn einer heilen Welt

Federico García Lorca: Bernarda Albas Haus

Premiere: Theater: Schauspiel Stuttgart
Regie: Calixto Bieito   Foto: Thomas Aurin   
Fotogalerie und weiterführende Informationen zur Inszenierung
Von Manfred Jahnke am 17.03.2019

Wie es unter dem Schein einer heilen Welt, die ihre Akteure zum Schweigen verdammt, brodelt, das führt Federico García Lorca modellhaft vor in „Bernarda Albas Haus“, seiner „Frauentragödie in spanischen Dörfern“. Seine Intentionen eines „photographischen dokumentarischen Berichts“ verdeutlichen dabei, dass es ihm nicht nur um das Erzählen einer Familiengeschichte geht, sondern mehr noch um eine Untersuchung des unvermeidlichen Bruchs zwischen Tradition und Moderne in Zeiten des Spanischen Bürgerkriegs. Nach dem Tod ihres Mannes verhängt Bernarda über ihre fünf Töchter, die bis auf die jüngste, Adela, das Heiratsalter schon überschritten haben, eine achtjährige Trauer. In dieser Zeit dürfen sie keinen Mann ansehen, mit Ausnahme der ältesten Tochter Angustias. Sie soll Pepe heiraten, dummerweise sind aber auch zwei ihrer Schwestern in ihn verliebt. Und so kommt es zur Katastrophe, die Bernarda nicht wahrhaben will. Am Ende gibt es einen Fehlschuss und dann doch eine Tote, Adela, die sich erhängt. Und Bernarda befiehlt Schweigen: Der wahre Sachverhalt soll nicht nach draußen dringen.

Der katalanische Regisseur Calixto Bieito hat „Bernanda Albas Haus“ 2011 schon einmal inszeniert, am Nationaltheater Mannheim, wo der jetzige Stuttgarter Intendant Burkhard C. Kosminski Schauspielchef war. Dabei waren damals auch schon Nicole Heesters als Bernarda Alba, Elke Twieselmann als deren Mutter und Anke Schubert als die Magd La Poncia. Die Töchter sind nun in diesem ausschließlich weiblichen Ensemble neu besetzt, ebenso gibt es mit Alfons Flores einen neuen Bühnenbildner. Der hat einen ziemlich kahlen Raum geschaffen: In die schwarz ausgeschlagene Bühne setzt er mittig einen langen weißen Aushang, davor einen weißen Tanzboden als Spielfläche, an den Seiten Batterien von Scheinwerfern, links sind sechs schwarze Stühle zu sehen. Andere Dekorationsteile wie die Stühle für die Trauergäste, eine Nähmaschine oder ein langer Tisch werden aus dem Schnürboden herabgelassen und auch wieder hochgezogen.

Die Inszenierung beginnt aus einer Stille heraus, in der die Artistin Kaatie Akstinat auftritt, sich an einem herabhängenden Seil sichert und dann langsam hochgezogen wird, ein Motiv, das sich durchzieht, ein Menetekel, das konkret schon den Erhängungstod von Adela vorwegnimmt, aber auch an den Gekreuzigten erinnert. Erst nachdem die Artistin im Bühnenboden verschwunden ist, beginnt das eigentliche Spiel, eröffnet von der Magd, dann stürmen Bernarda und ihre Töchter herein, schwarz verhüllt. Nicole Heesters lässt da schon mal die Peitsche niedersausen, wie überhaupt dann Bieito für die unterdrückte Sexualität viele kleine Bilder findet, wie das die Schwester der anderen die Brust streichelt, Röcke sich hochschieben, Stöhnen ertönt. Abgesehen davon, dass durch den Wegfall zweier Nebenfiguren die Handlung gestrafft wird, hält sich die Regie eng an die Vorlage, setzt nur verdeutlichende Zeichen, vor allen Dingen in einer genauen Choreografie, wenn Stühle umgeworfen werden, im Kreis gehetzt oder sich mit dem Sprungseil in Bewegung gesetzt wird. Und manchmal, wie am Schluss, werden Gegenstände wie das Gewehr auch nur pantomimisch angedeutet.

Entstanden ist ein grandioser Theaterabend, der durch einen genauen Rhythmus und im Zentrum mit den Schauspielerinnen besticht. Heesters und Schubert sind ein eingespieltes Paar. In ihrem Schlagabtausch voller Humor wird Schubert im Verlaufe des Abends die Widerständige, die das Unglück kommen sieht. Heesters hingegen pflegt mit Lächeln und Peitsche die Wahnvorstellung einer heilen Welt, immer überlegen und so engstirnig wie erschreckend klarsichtig. Dabei blitzt auch bei ihr die Sehnsucht auf, Sexualität ausleben zu wollen. Von den Töchtern ragen Paula Skorupa als Martirio und Nina Siewert als Adela heraus, die beiden Konkurrentinnen um Pepe, die sich nichts schenken. Während Siewert ihre Rolle emotional-impulsiv anlegt, spielt Skorupa die Überlegene, die ihre Stiche gezielt setzt. Juliane Köhler ist als die Älteste verhuscht-melancholisch. Anne-Marie Lux als Magdalena und Jelena Kurz als Amelia bleiben unauffällig im Hintergrund, eher schon in einer Beobachterinnen-Position. Und Elke Twieselmann, die eingesperrte Mutter Bernardas, spielt den Wechsel von „irren“ und „lichten“ Momenten groß und anrührend heraus. Toll!

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