Überhaupt ist diese Dulderin, diese Unterwürfige, gespielt von Jana Schulz, das geheime Zentrum des Abends. Die tastende Körpersprache und der Auftritt in Wollsocken sprechen von einer verstörenden Selbstverleugnung, die in den depressiven Zusammenbruch führt. Wie ein vergessenes Menschenbündel liegt sie auf den Stühlen, um am Ende als Mutter mit umgeschnalltem Tragesack einfach und ruhig die Stühle zusammen zu räumen. Ihre Widersacherin Anna Mahr bleibt bei Therese Dörr dagegen eher schwach konturiert. Sie stürmt zwar im gelben Kleid, das in der grau-braunen zeitgenössische Kostümierung den einzigen Farbtupfer setzt, mit Inbrunst ins Familiensetting; läuft barfuß herum, brüllt „Wem Gott will rechte Gunst erweisen“ lautstark mit. Viel knalliger Elan, der konterkariert wird durch die ständige Bitte um Zuneigung. Ihr Freiheitscredo mit Einsamkeitsängsten zu verbinden, erscheint allerdings etwas einfach. Ist es also letztlich nur der Elan, der sie für Johannes attraktiv macht? Der lebenspraktisch untaugliche Wissenschaftler will das Unmögliche: Selbstverwirklichung und Familie, Stadt und Land, Geld und Laisser-faire. Vor dem Hintergrund einer sich individualisierenden Gesellschaft und aufbrandender Ethikdebatten ein durchaus aktueller Konflikt. In Paul Herwegs Deutung des Johannes führt dieser Konflikt allerdings geradewegs in eine neurasthenische Hysterisierung. Er windet sich, keift, explodiert, ein hilfloser Trotzkopf, der alles will und zwar sofort. Seine Kleidung löst sich immer weiter auf, bis er sich brüllend in die Familienschlacht stürzt.
Das hat schon Strindbergsche Dimensionen, wie hier Mutter, Sohn, Anna Mahr und der befreundete Maler Braun (Felix Rech als schmarotzender Moralist) aufeinander losgehen. Hatten zuvor das psychologische Feintuning samt Akustik eher gelitten, so wird das 1890 entstandene Kammerspiel zum Schlachtgemälde und füllt nun auch die große Bühnendimension. Wenn Vontobel schließlich Käthes Mutterschaft über Johannes‘ Individualisierungsbegehren triumphieren lässt, und anders lässt sich das Bild kaum deuten, wirkt das schon wie ein ziemlich konservatives Rollback.
