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Das ungewisse Draußen

Maya Arad Yasur: Blaue Stille

SchauspielPremiere:  (UA)   Theater: Landestheater Schwaben
Regie: Sapir Heller   Foto: Forster   
Fotos und Infos auf der Homepage des Theaters
Von Anne Fritsch am 03.10.2020

Zwei Menschen in einem Raum. Die Türen sind verschlossen. Sie wissen nicht, wer sie sind und was sie hier machen. Nur: Sie wollen hier raus. Oder doch lieber nicht? Lieber die Sicherheit im Drinnen als die Ungewissheit im Draußen? Die israelische Autorin Maya Arad Yasur schrieb schon an ihrem neuen Stück „Blaue Stille“, als die Corona-Pandemie anfing. Dass die klaustrophobische Grundsituation, das Auf-Sich-Geworfen-Sein nach den Monaten der sozialen Isolation eine neue Aktualität gewonnen hat, ist Zufall. Sapir Heller, die eine lange Arbeitsbeziehung mit Arad Yasur verbindet, hat nun die Uraufführung am Landestheater Schwaben in Memmingen inszeniert. Sie beginnt den Abend mit einem Tableau Vivant, einem lebenden Bild: In einem völlig weißen Raum, dem Drittel einer Drehbühne, sitzen „Er“ und „Sie“ an einem Tisch, starren einander an. Wenig später werden sie an den Türen rütteln, die zwar zwei Klinken haben, sich aber nicht öffnen lassen. Sie werden sich comicartig übertrieben bewegen, einander nachahmen, sich jedoch nicht näher kommen. Nicht physisch, aber auch nicht psychisch.

Agnes Decker und Jens Schnarre werden jeder für sich ins Tanzen geraten. Sie werden vergeblich nach ihrem Gedächtnis schnüffeln, das sie in Form von „Gedächtniskarten“ abgegeben haben. Weil sie nichts erinnern, spielen sie sich die Welt, wie sie ihnen gefällt. Flüchten sich in das Leben, wie es war – oder wie es gewesen sein könnte. Sie fantasieren sich in verschiedene Szenarien hinein: das kinderlose Paar, er Maler, sie seine Kritikerin; das Paar mit Kinderwunsch, das dennoch abgetrieben hat; die Eltern einer tauben Musikerin; die Nachbarn eines Serienmörders… Und immer wieder die Möglichkeit einer Tochter.

Es ist ein einigermaßen abstruses, wenn nicht gar absurdes Setting, das Arad Yasur da schafft. Eine Retrospektive der Möglichkeiten, eine Trauerfeier für all das Verpasste. Ein bisschen eine geschlossene Gesellschaft wie bei Sartre, ein bisschen Warten wie bei Beckett, ein bisschen Ausgeliefertsein wie bei Kafka. Ein Post-Lockdown-Stück, in dem das Draußen zu einer noch größeren Ungewissheit geworden ist als dieses merkwürdige Drinnen. Das Dasein ist ein einziger Escape Room geworden, der seine Bewohner vor ein Rätsel nach dem anderen stellt, ohne eine attraktive Perspektive oder einen wirklichen Ausweg zu bieten.

Arad Yasur lässt grundlegende Gewissheiten ins Wanken geraten. Die Erfahrung, dass auch vermeintliche Sicherheiten zu Unsicherheiten werden können, ist eine sehr aktuelle. Die hier geschilderte Zukunftsvision ist schlagartig recht nah an die Gegenwart gerückt. Das Verdrängte, das Vergessene und das Niemals-Erlebte stehen im Raum wie der sprichwörtliche Elefant. Womit haben wir es hier zu tun? Eine Verschwörung des ominösen „Sasportas“, der immer wieder in den Assoziationsketten auftaucht? Ein großes Als-Ob? Eine Reise in die verdrängte Vergangenheit? Arad Yasur legt sich nicht fest. Sobald eine Erklärung auftaucht, wird sie ad absurdum geführt in diesem heiteren Berufe- und Identitätsraten. „Er“ und „Sie“ sagen Dinge, die sie nicht wissen können („Dir scheint, du hörst etwas“) und malen sich aus, wer verdammt nochmal sie eigentlich sind. Für die einzige Berührung an diesem Abend streifen sie sich Gummihandschuhe über, was in diesem skurrilen Umfeld nicht weiter auffällt. In Momenten wie diesen taucht aber plötzlich der Gedanke auf, dass das ganz wirklich unsere neue Normalität ist. Und das ist dann tatsächlich skurril.

Sapir Heller inszeniert den Text mit großem Gespür für Komik und Lust an der Überzeichnung. Vielleicht aus Angst, dass dieses ewige In-der-Schwebe-Bleiben und Um-das-immer-Gleiche-Kreisen sich totläuft, fügt sie den beiden eine dritte Figur hinzu, die es im Stück nicht gibt: eine Außenstehende, die sich um die Drehbühne herum bewegt, musiziert, singt und das Treiben beobachtet. Franziska Roth trägt eine riesige Schleife auf dem Kopf, eine Kindfrau, die wohl Betty ist, die ominöse Tochter. War sie ein unerfüllter Wunschtraum? Hat sie, die Abgetriebene, ein Trauma hinterlassen? Haben die beiden ihr Kind verdrängt oder es nie bekommen? Dass die Fantasie-Betty hier konkret und irgendwie sogar die konkreteste Figur an diesem Abend wird (die sich frei bewegt, die raucht und trinkt und das ganze mit einem Soundtrack unterlegt wie einen Film), nimmt etwas von der rätselhaften Faszination der Vorlage. Sie legt eine Lesart fest, das Rätselspiel wird zur Psychoanalyse.

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