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Das Meerschweinchen hurzt

Helmut Lachenmann: Das Mädchen mit den Schwefelhölzern

MusiktheaterPremiere:  Theater: Oper Frankfurt
Regie: Benedikt von Peter  Musikalische Leitung: Erik Nielsen   Foto: Monika Rittershaus   
Fotos auf der Homepage der Oper Frankfurt
Von Detlef Brandenburg am 19.09.2015

Nun ist die Avantgarde auf das Meerschweinchen gekommen. Wenn’s wenigstens noch der Hund gewesen wäre, der hätte jedenfalls noch Biss. Aber nein, der Hauptdarsteller von Benedikt von Peters Inszenierung des „Mädchens mit den Schwefelhölzern“ an der Oper Frankfurt ist ein leibhaftiges kleines Meerschweinchen: etwas strubbelig, eine weiße Blesse rahmt das Näschen, sehr niedlich. Anfangs sitzt es etwas einsam und womöglich ratlos auf seiner kleinen blauen Spielfläche herum, kaum einer würde es sehen da vorne vor den ersten Parkettreihen, aber Bert Zander überträgt das possierliche Bild per Leinwand vor jedermanns Augen. Und so sehen alle aus nächster Nähe, was Tierchen so treibt, während aus Helmut Lachenmanns grandioser „Musik mit Bildern“ Szenen von abgrundtiefer Trostlosigkeit und teils auch wütendem Aufbegehren aufsteigen: Es knabbert ein Salatblatt, schaut zutraulich ins Publikum, und es bekommt alsbald Gesellschaft: von dem Schauspieler Michael Mendl, der sich zum trauten Tete-à-Tete einfindet. Die beiden haben einander offenbar lieb. Wie schön! Und wie trostvoll vor dem Hintergrund dieser klirrend kalten, frostbibbernden Welt.

Und so war das possierliche Tierchen nach dieser Eröffnungspremiere der Frankfurter Opernsaison der Held interpretationsfreudiger Zuschauergespräche: Ist es nicht auch so ein schutzloses armes Wesen wie Hans Christian Andersens kleines barfüßiges Mädchen, das sich in der Silvesternacht an seinen armseligen Streichhölzern zu wärmen sucht? Spüren wir nicht in der trauten Zweisamkeit von Mensch und Tier genau jene Wärme, nach der sich das arme Mädchen so sehnt? Über die Kuhwärme der traditionellen Musik hatte einst Thomas Manns „Doktor-Faustus“-Komponist Adrian Leverkühn ziemlich respektlos gespottet. Der Regisseur Benedikt von Peter erstattet sie ausgerechnet Lachenmanns „Mädchen“ nun also wieder zurück. Aber man hat doch das Gefühl, dass man, so interpretierend, über einen Kerkelingschen „Hurz“ philosophiert – Sie wissen schon: Jener Sketch, in dem ein der neuen Musik bedingungslos ergebenes Publikum auch noch das vollkommen sinnfrei gekreischte „Hurz“ des Comedians mit dem Ernst der Avantgardejünger zur Kenntnis nimmt.

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Leider sind Benedikt von Peters weitere inszenatorische Maßnahmen nicht unbedingt geeignet, dieses ungute Gefühl auszumerzen. Da hatten wir ein riesenhaftes Gummimädchen vor dem Opernhaus angetroffen, mit einem Schwefelhölzchen in der Hand, in rotem Kleidchen und mit rotem Mützchen. Die Foyers waren kahlgeräumt und leer, kein Bild hing mehr an der Wand, aber Komparsen mit Flüstertüten flüsterten uns auf dem Weg ins Auditorium Zitate aus den von Lachenmann verwendeten Texten zu – von Hans Christian Andersen, Leonardo da Vinci oder Gudrun Ensslin. All das war eher bedeutungsheischend als bedeutungsstiftend gewesen. Aber immerhin: Das Raumkonzept von Natascha von Steiger ist eindrucksvoll. Die Zuschauer sitzen einander auf der Bühne und im Auditorium gegenüber, das Orchester thront auf einem hohen Podest über den Köpfen der auf der Bühne Sitzenden, Chor und Instrumentengruppen haben die Ränge okkupiert, projizierte Schriftbänder illuminieren den Raum und geben inhaltliche Orientierung im Labyrinth der Klangbilder. Das Frankfurter Opernorchester spielt Lachenmanns Musik unter der Leitung von Erik Nielsen in selten gehörter Brillanz und Profilierung. Der dunkle Raum wird zur Abenteuer-Höhle des Hörens und greift damit tatsächlich Motive aus da Vincis Text „Zwei Gefühle“ auf.

Wenn nur das Meerschweinchen nicht wäre. Erstaunlich, was so ein Tierchen alles anrichten kann! Aber wirklich Gutes hat es zumindest bei mir nicht bewirkt. Sein Mümmeln, zutrauliches Schauen und erstauntes Horchen bringt die Musik völlig um ihre Wirkung, im Publikum wird jede Bewegung des Kopfes mit amüsiertem Kichern quittiert. Die sparsame Personenregie, die Benedikt von Peter den beiden großartigen Sopranistinnen Christine Graham und Yuko Kakuta angedeihen lässt, ist auch nicht unbedingt zwingend. Und die Kostüme von Natascha von Steiger und Cinzia Fossati wirken eher beiläufig dekorativ als bedeutungstragend. Benedikt von Peter kann wie kaum ein Zweiter komplizierte Musik in überrumpelnd unkonventionelle szenische Aktionen und Welten übersetzen. Aber hier ist ihm leider sein Meerschweinchen in die Quere gekommen.

Zu würdigen ist die bezwingende musikalische Präsenz aller Sänger, Solisten und Gruppen, darunter auch das grandiose, von Michael Alber einstudierte ChorWerk Ruhr und die auch hier wieder sehr auratisch auftretende Sho-Spielerin Mayumi Miyata. Und zu erwähnen ist ein Debüt an der Oper Frankfurt: Helmut Lachenmann in der Partie des Sprechers, der allerdings mit der phonetisch fragmentierten Textur des da-Vinci-Textes einige Zuschauer in die Flucht schlug und von einigen Durchhaltewilligen am Ende verärgert ausgebuht wurde, ebenso wie das Regieteam. Andere hielten mit Applaus dagegen. So oder so – man wird diese Inszenierung des „Mädchens mit den Schwefelhölzern“ sicher im Gedächtnis behalten. Ob aus guten Gründen, sei dahingestellt.

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