Foto: Szene mit, auf der linken Seite, Paul Trempnau und Tilla Danaylow © Sinah Osner
Text:Andreas Falentin, am 18. Oktober 2026
Theresa Thomasberger bringt Andrea Petkovićs autobiografischen Erzählungsband „Zwischen Ruhm und Ehre liegt die Nacht“ am Staatstheater Darmstadt auf die Bühne und verlässt sich dabei auf Petkovićs Erzählton und die Natürlichkeit ihres kleinen Ensembles.
„Ich bin nicht Andrea Petković“, „ich auch nicht“. Die Schauspielerinnen Tilla Danaylow und Aleksandra Kienitz stehen vor dem Vorhang im Kleinen Haus des Staatstheaters und unterhalten sich mit dem Publikum über Tennis. Sie fragen ab, wer Tennis spielt, in welchem Verein und wie lange – und erzählen über sich. Wir erfahren, dass Tilla aus Leipzig kommt und dass die Eltern von Aleksandra in Danzig wohnen, wo sie im Sommer Tennis trainiert hat – als Vorbereitung auf die Rolle. Alles läuft locker ab, vor allem mit einer freundlichen Distanz, die den Gegenstand des Spiels nicht herabwürdigt.
Irgendwann steigt Tilla Danaylow unmerklich in Andrea Petkovićs Text ein. „Zwischen Ruhm und Ehre liegt die Nacht“ hat die Ex-Tennisspielerin 2022 verfasst: eine Sammlung autobiografisch geprägter Erzählungen über ihr Schicksal als Leistungssportlerin und – das kommt in der Bühnenfassung zu kurz – als Migrationskind. Aber der Ton dieser Erzählungen wird klar erfasst: sehr locker, ehrlich und direkt. Das ermöglicht den Schauspielerinnen, die Geschichte der ersten dreißig Jahre im Leben von Andrea Petković gleichzeitig als Komödie und als Heldinnengeschichte zu erzählen.
Der Vorhang geht auf. Wir sehen eine Anekdote: Die neunjährige Andrea Petković, die glaubt, dass das Leben nur für ihre Erfolge da ist, begegnet ihrer Lehrerin, Frau Müller, die sie zum Lernen auffordert, weil immer wieder Niederlagen kommen, die man aufarbeiten muss. „Sie ist alt, aber sie hat nicht recht“, denkt Andrea.
Dann geht es auf den Tennisplatz. Petković spielt gegen Christin Bork, die Jahrgangsbeste in Deutschland – und sie verliert deutlich. Wir sehen das Spiel natürlich nicht. Eine Ballmaschine fährt ferngesteuert auf den Tennisplatz, dazu hören wir Andreas Gedanken, in denen Christin Bork so etwas wie ein Marvel-Schurke ist: ein Feind, den man nicht schlagen kann, aber schlagen muss. Das ist – mit wenig Aufwand – saukomisch.
Die Rolle der Frau im Leistungssport
Weiter geht es zur nächsten Erzählung: „Danica“, ein schriftstellerisches Highlight des Buches, weil sie unglaublich direkt und warmherzig erzählt wird und eine erschreckende Pointe hat. Danica ist eine Lebenskünstlerin, 18 Jahre alt und allein, ohne Geld, ohne Betreuung im Tennis-Zirkus. Sie will dieses Nomadenleben ewig weiterführen. Ein Ziel hat sie nicht, vermutlich, weil sie dafür nicht gut genug spielt. Andrea und Danica freunden sich an, spielen Doppel zusammen und trennen sich wieder. Dann hört Andrea, dass Danica verheiratet ist und zwei Kinder hat – und sie weint.
So geht es weiter. Es geht um Erfolge und Verletzungen, Grand Slams und Freundschaften und immer um den Leistungssport. Irgendwann tritt eine zweite Erzählebene hinzu: das Schreiben. Andrea liest, schreibt. Wir wissen, dass sie Journalistin, Kolumnistin und Moderatorin ist (oder war). Das macht die Figur, die bei Danaylow und Kienitz immernoch sehr jung ist, interessanter und vor allem: erwachsener.
Aleksandra Kienitz (l.) und Tilla Danaylow sind nicht Andrea Petković. Foto: Sinah Osner
Die Entwicklung der Hauptfigur stimmt also. Danaylow und Kienitz spielen sie abwechselnd, manchmal zusammen. Die Bühne ist ein Tennisplatz. Das Licht fügt eine gewisse Schäbigkeit hinzu. Mirjam Schaal betätigt dazu auch die Hubpodien des 2025 auf erstaunlich hohem Niveau renovierten Kleinen Hauses und zeigt zusätzlich ein großes Hotelzimmer, das an Trostlosigkeit schwer zu übertreffen ist. Lena Katzer peppt den Stoff mit absonderlichen, schön anzusehenden Kostümen auf, die eher an die Heldengeschichte als an die Komödie anknüpfen.
Stringent, aber abwechslungsreich
Theresa Thomasberger, die zusammen mit der Dramaturgin Carlotta Huys auch für die Textfassung verantwortlich ist, schafft es, dass der Abend stringent verläuft, aber gleichzeitig sehr abwechslungsreich daherkommt, im letzten Drittel auch mit Videozuspielungen. Dazu kommt Paul Trempnau, der erscheint, wenn ein Mann oder zumindest ein Gitarrist gebraucht wird. Als über den Tennissport philosophierender David Foster Wallace hat er im Hotelzimmer einen großen Auftritt und öffnet Andrea endgültig eine Tür zu einer neuen Welt. Karen Tepperis singt „One Moment in Time“ und ist bei ihren wenigen Auftritten gekleidet wie ein mobiler Schiedsrichterstuhl. Sechs Balljungen spiegeln Jugend, hören zu und räumen auf.
So gehen der Stoff und das Leben weiter bis zu einem schönen Schluss: Andrea feiert mit ihrer Freundin Maria das Ende – der Karriere, des Drucks, der Fremdbestimmung. Mit einem Tennisspiel in Reifröcken. Wir sehen die Auflösung, aber das Rätsel des Leistungssports, der offensichtlich unglücklich und glücklich macht, bleibt ein Geheimnis.