Eine Bühne, im Vordergrund knien drei Personen, eine steht im Hintergrund

Wüste Poesie

Rolf Dieter Brinkmann: Die Wörter sind böse

Theater:Schauspiel Köln, Premiere:17.01.2026 (UA)Vorlage:Die Wörter sind böseAutor(in) der Vorlage:Rolf Dieter BrinkmannRegie:Wolfgang Menardi

Am Schauspiel Köln inszeniert Wolfgang Menardi einen Kosmos um den Dichter und das Enfant terrible der deutschen Pop-Literatur der 70er Jahre Rolf Dieter Brinkmann. Die detailreiche Bühnenwelt stellt Brinkmanns Sprache in den Fokus, das Spiel ist energie- und temporeich.

Rolf Dieter Brinkmann, Enfant terrible der deutschen Pop-Literatur, Provokateur, fühlte sich als Außenseiter in Köln, wo er aus der Nähe von Oldenburg (1940 geboren) hinzog, dort seine prägenden Jahre als Autor verbrachte. Er starb 1975 mit nur 35 Jahren in London bei einem Autounfall. Der 50-jährige Todestag vergangenes Jahr sorgte für neuerliche Aufmerksamkeit.

„Die Wörter sind böse“ ist ein Hörspiel, das Brinkmann zwei Jahre vor seinem Tod für den Westdeutschen Rundfunk in der Reihe „Autorenalltag“ aufnahm. Mit Aufnahmegerät in der Hand lief er durch Köln, schilderte Beobachtungen, alles ungeskriptet. Er beschreibt die 70er Jahre als Jahre des Wandels: Ende des Wirtschaftswunders, Nachwehen der 68er-Bewegung, RAF, Rest-Nazi-Muff. „Die Wörter gehören anderen“, sagt er auf der Aufnahme, „alles kontrolliert, jeder kontrolliert jeden, ist doch alles nur Schwachsinn, ihr blöden Narren, ihr kleinen Wichtelmännchen!“

„Der Kriech geht weiter“

Die Aufnahme ist Brinkmanns persönliches Stadtprotokoll in der westdeutschen „Kloake Köln“, eine wüste Abhandlung des Stadtbilds, der Widersprüche der Zeit, des verhassten Wohnorts und Kulturbetriebs. Man hört seine rastlosen Schritte durch die Straßen, wie er an ein Wohnhaus pisst, Gespräche mit seiner Frau Maleen. „Der Kriech geht weiter.“ Für den Dichter sind Nationalsozialismus und Krieg in der Stadt immer noch hörbar und präsent, das Schweigen birgt in sich eine Gewalt.

Wolfgang Menardi (Regie und Bühne) baut und inszeniert im Depot 2 des Kölner Schauspiels eine symbolische Brinkmann-Köln-Collage. Eine geflieste Mauer umrandet die Bühne, auf der das Ensemble immer wieder im Kreis hastet. Im Innern eine umgekippte Domspitze, Schreibtisch, Schreibmaschine, Plattenspieler, hinten hängt ein Auto von der Decke, darunter eine Gedenkstätte mit Kerzen, rechts und links davon Pissoirs, in Leuchtlettern „Cologne mon amour“. Ein Roboterarm in der Mitte projiziert Details des Spiels auf die Rückwand (Videoart: Jan Isaak Voges).

Fünf Darsteller:innen. Eine in der Mitte von den anderen gehalten, dahinter gelbes Licht

Uwe Schmieder, Lavinia Nowak, Paul Grill, Nikolas Benda, Birgit Unterweger. Foto: Birgit Hupfeld

Es riecht nach Muff, Brinkmann raucht, alle fünf Versionen von ihm tun es – im Ensemble Nikolaus Benda, Paul Grill, Lavinia Nowak, Uwe Schmieder und Birgit Unterweger, alle mit strähniger Frisur, blauer Schlaghose, lila Hemd (Kostüm: Jelena Miletić). Mit dem Tonband in der Hand suchen sie ein Signal, haben die Verbindung verloren. Zur Welt?

Brinkmann-Kosmos

Wie eine fiebrige Abhandlung entlädt sich die wüst-poetische Sprache des Dichters auf der Bühne. Menardi läßt Brinkmann selber sprechen, große Teile des Hörspiels werden eingespielt, während die Schauspieler:innen dazu synchron die Lippen bewegen, andere Teile sprechen sie selbst. Die ungeschönte Sprache klingt fast banal einfach, mit heutigen Ohren klar sexistisch, doch auch den Zeitgeist treffend. Live-Drummer Nico Stallmann sorgt auf der Bühne für treibenden Beat zu Lichtflackern (Lichtdesign: Jan Steinfatt) und zum rhythmischen Takt der Schritte (Komposition und Sounddesign: Matteo Haitzmann). Die Brinkmanns zucken und krampfen in der eigenen Zerrissenheit und der der Zeit (Choreografie: Mason Manning).

Dieser Dichter, den Menardi zeichnet, läuft an der Grenze zum Wahnhaften, nimmt sich selbst Huckepack, nimmt sich auch mal in den Arm, sitzt nicht nur auf dem Wut-Thron. Etwas Gebrochenes kommt da zum Vorschein, eine Rastlosigkeit, die Unterbrechung sucht, wenn er tief im Plattenspieler versunken Soft Machine hört, und beobachtet, wie die Welt plötzlich etwas von ihm als Künstler erwartet, „die, die darauf warten, dass jemand etwas sagt“. Ob Brinkmann sich selbst so gesehen hätte?

Ein dichtes, energievolles Spiel hält das Tempo hoch und zieht durch den Abend. Menardi bleibt im Brinkmann-Kosmos, kreiert eine detailvolle, in sich geschlossene Welt um den Künstler und malt durch „Die Wörter sind böse“ ein Bild der Dichter-Persönlichkeit. Er nimmt ihn ernst, ohne ihn zu ernst zu nehmen.