Entsprechend fokussiert sich der Ballettchef auf Kultur und Historie seines Landes. Kunstvolle Ballszenen, in denen Tänzerinnen in bunten Kleidern mit überdimensional-langen Ärmeln traditionellen Tanz zeigen oder mit Papierlaternen bestechende Atmosphäre des Gestrigen verbreiten, begeistern in Frank Fellmanns pompös ausgestattetem, mitunter pathetischen ersten Teil, der die Zeit der Ming-Dynastie spiegelt. Pao Yü, ausdrucksstark dargestellt von Mark Radjapov, muss seine Cousine Pao Tschai heiraten (energisch und elegant: Risa Tateishi), doch er liebt Lin Dai Yü. Monica Fotescu-Uta tanzt die zarte, kränkelnde Dichterin mit Sinn für Dramatik, in einer Choreographie, die klassische Linien zulässt, um sie alsbald zu brechen. Hustend, mit angewinkelten, stotternden Füßen, stirbt sie an Tuberkulose und Liebesschmerz. Bevor Pao Yü ihr folgen kann, durchleidet er Enteignung und Krieg im Zeitraffer durch die Geschichte – Xin Peng Wangs Bekenntnis zu Individualität und Selbstbestimmung führt über die Mao-Zeit einer gesichtslosen Gesellschaft mit staatlicher Zensur bis ins anonyme, kalte 21. Jahrhundert. Da erscheint „Die rote Kammer“ als letzte Zuflucht am Ende tatsächlich wie ein Traum.
