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Bildgewaltig

Xin Peng Wang: Der Traum der roten Kammer

TanzPremiere:  (UA)   Theater: Theater Dortmund
Choreografie: Xin Peng Wang   Foto: Bettina Stoess 
Von Isabell Steinböck am 12.11.2012

Die Kulisse besteht aus großen, grauen Steinen: Auf der dunklen Bühne scheinen sie zu schweben wie im All, darunter liegen, zusammengedrängt, graue Körper. Mit rudernden Armen und kantigen Bewegungen separieren sich die Tänzer als Teile eines Ganzen; nur ein Element bleibt allein zurück. Es ist der Stein des Schicksals. Er wird das Leben von Pao Yü bestimmen.

"Der Traum der roten Kammer" („Hóng Lóu Mèng”) von Cáo Xuequín ist der bedeutendste Nationalroman in Xin Peng Wangs Heimat, China. In Kooperation mit dem Hong Kong Ballett hat der Direktor des Dortmunder Balletts die Weltliteratur jetzt erstmalig in Choreographie umgesetzt. Am Theater Dortmund kam ein bildgewaltiges, geradezu cineastisches Handlungsballett auf die Bühne (Konzept und Idee: Christian Baier), das die Atmosphäre der Kaiserzeit in beeindruckenden Ensembleszenen einfängt. Die Musik, versiert gespielt von den Dortmunder Philharmonikern, stammt von Michael Nyman, der durch Soundtracks zu „Das Piano“, „Prosperos Bücher“ oder „Gattaca“ weltbekannt wurde; für Kostüme, Lichtdesign und chinesischen Tanz wurden Künstler eigens aus China engagiert.
„Der Traum der roten Kammer“ beschreibt den Aufstieg und Fall des reichen Hauses Kia. Der Roman wird oft mit Thomas Manns „Buddenbrooks“ verglichen, ist in China jedoch ungleich populärer. Xin Peng Wang selbst beschreibt die Geschichte im Programm als „Herzkammer Chinas“, aus dem sein Volk bis heute kulturelle Identität schöpfe.

Entsprechend fokussiert sich der Ballettchef auf Kultur und Historie seines Landes. Kunstvolle Ballszenen, in denen Tänzerinnen in bunten Kleidern mit überdimensional-langen Ärmeln traditionellen Tanz zeigen oder mit Papierlaternen bestechende Atmosphäre des Gestrigen verbreiten, begeistern in Frank Fellmanns pompös ausgestattetem, mitunter pathetischen ersten Teil, der die Zeit der Ming-Dynastie spiegelt. Pao Yü, ausdrucksstark dargestellt von Mark Radjapov, muss seine Cousine Pao Tschai heiraten (energisch und elegant: Risa Tateishi), doch er liebt Lin Dai Yü. Monica Fotescu-Uta tanzt die zarte, kränkelnde Dichterin mit Sinn für Dramatik, in einer Choreographie, die klassische Linien zulässt, um sie alsbald zu brechen. Hustend, mit angewinkelten, stotternden Füßen, stirbt sie an Tuberkulose und Liebesschmerz. Bevor Pao Yü ihr folgen kann, durchleidet er Enteignung und Krieg im Zeitraffer durch die Geschichte – Xin Peng Wangs Bekenntnis zu Individualität und Selbstbestimmung führt über die Mao-Zeit einer gesichtslosen Gesellschaft mit staatlicher Zensur bis ins anonyme, kalte 21. Jahrhundert. Da erscheint „Die rote Kammer“ als letzte Zuflucht am Ende tatsächlich wie ein Traum.

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