Szene aus "Juller" am Theater der Jungen Welt in Leipzig
Schauspiel,

Anpfiff zur Erinnerung

Jörg Menke-Peitzmeyer: Juller

Theater:Theater der Jungen Welt, Premiere:08.04.2017Regie:Jürgen Zielinski

Das letzte Trikot ist blau und grau gestreift, und das Vereins-Logo ist ein gelber Stern – so absolviert einer in Auschwitz die allerletzten Spiele, der einst Deutscher Meister war: mit gleich zwei verschiedenen Vereinen, 1910 mit dem heimischen Karlsruher FV 1910 und der Spielvereinigung Fürth vier Jahre später. Das ist in der deutschen Fußballgeschichte nur einem gelungen: Julius Hirsch, schon als Kind „Juller“ gerufen und ein Star seiner Zeit. Sieben Mal spielte er auch im Trikot der Nationalmannschaft – aber nichts hat Julius Hirsch bewahrt vor dem Schicksal eines Juden im Deutschland der Faschisten; deportiert im April 1943, kehrt er nicht zurück. Die letzte Karte an die Familie daheim in Karlsruhe schreibt er auf dem Bahnhof in Dortmund; da ist er auf dem Weg ins Lager. Heute steht gegenüber das deutsche Fußball-Museum.

Lange hatte auch der DFB die besondere Rolle von Hirsch und dem Karlsruher Sturmpartner Gottfried Fuchs ignoriert; wie generell die Erinnerung an die Juden im deutschen Fußball. Seit 2005 nun vergibt der Verband einen Preis, der Hirschs Namen trägt. Der Hamburger Sport-Historiker Werner Skrentny schrieb zudem ein Buch über den deutsch-jüdischen Meister-Kicker aus früher Fußball-Zeit. Und im Auftrag des Theaters der jungen Welt in Leipzig hat Jörg Menke-Peitzmeyer (dessen Klassenzimmerstück „Erste Stunde“ große Beachtung fand und Preise erhielt) nun ein Stück geschrieben über „Juller“.

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Intendant Jürgen Zielinski inszeniert die Uraufführung an der Leipziger Bühne (die ja gerade das 70-jährige Bestehen feierte) als Stationen-Drama mit ambitioniertem Überbau – wie Waldorf und Statler aus der guten alten Muppets-Show agieren und räsonnieren Hirsch und Fuchs von der Höhe der Bühne und erklärtermaßen vom Himmel herab; Besuch bekommen sie vom dritten im Bunde des legendären Karlsruher „Innensturms“. Kommt Fritz Förderer aber nicht direkt aus der Hölle? Er hielt sein Fähnchen immerhin beständig im richtigen Wind, machte Karriere im Nazi-Reich und trainierte gar eine Mannschaft im Konzentrationslager Buchenwald. Die sowjetischen Besatzer übernahmen sein Talent – Förderer wird immer wieder zum karrieristisch-kompromisslerischen Widerpart von Fuchs und Hirsch.

Fuchs übrigens gelang die Flucht ins Exil, und auch den Fußball gab er auf: wechselte zum feineren Tennis. Die ruppig räsonnierenden Alten im Kicker-Himmel grundieren den Ton der Inszenierung. Menke-Peitzmeyer lässt Jullers Jugend Revue passieren (wo ihn schon der der deutsche Hass auf alles Jüdische trifft), danach die Zeit der ersten Erfolge. In den Ersten Weltkrieg geht Julius Hirsch wie so viele andere auch, um das eigene Deutschtum zu beweisen – auch ihm aber nützt das nichts. Der Verein, mit dem und für den er lebte, erteilt ihm Hausverbot; nach kurzen Fluchten nach Frankreich und in den Trainerberuf schickt ihn das Arbeitsamt in den Steinbruch. Aber auch ein Selbstmordversuch markiert Jullers Weg; danach führt der Weg in die psychiatrische Behandlung.

Schlaglichtartig nimmt der Autor das schreckliche Schicksal ins Visier. Um die Familie überleben zu lassen, lässt Juller sich scheiden; zurückkommend aus Theresienstadt, suchen Frau und Kinder ihn. Juller aber bleibt verschollen.

Menke-Peitzmeyers szenische Miniaturen brauchen eine starke dramaturgische Form; und vielleicht wäre auch eine andere als die denkbar, die Zielinski für die Uraufführung wählt. Deutlich zu viel Musik durchzieht den fußballspiel-langen Abend (der am Schluss sogar zweieinhalb Minuten Verlängerung verpasst bekommt – schöne Pointe …); und dem Ensemble, das mit nur fünf Darstellerinnen und Darstellern noch gut zwei Dutzend weitere Personen bewältigt, wäre durchaus ein wenig mehr Konzentrationen auf einzelne Haltungen zu wünschen. So bleibt’s beim etwas wimmeligen Panorama-Bild: mit Philipp Oehme im Mittelpunkt, als Held im freien Fall.

Die wichtigste Bewährung steht der Aufführung noch bevor – wie wird sich im gerade ziemlich fußball-verrückten Leipzig junges Publikum auseinandersetzen mit dieser Geschichte aus finstren, gern verdrängten Zeiten? Dies ist wieder mal ein Anpfiff zur Erinnerung, und das Spiel ist längst noch nicht zu Ende.