"Reicht es nicht zu sagen ich will leben" am Nationaltheater Weimar in der Regie von Nora Schlocker.
Schauspiel,

Abstürze

Claudia Grehn/Darja Stocker: Reicht es nicht zu sagen ich will leben

Theater:Deutsches Nationaltheater Weimar, Premiere:30.06.2011 (UA)Regie:Nora Schlocker

Jürgen will investieren, vorwärtskommen, Gewinne machen. Da stören die ehemaligen Arbeiter der Firma, die er übernommen hat, bloß, sie sind „Schrott, gehören auf die Müllhalde“. Der Schwiegervater, der diesem Vorgehen seine Unterschrift verweigert, soll am besten auch verschwinden. Annette wiederum will das Karriere-Spiel in der Schule nicht mitspielen; bloß, weil die Eltern dafür geschuftet haben, will sie nicht werden wie sie. Aus solchen Lebenssituationen, Biografiestücken haben Claudia Grehn und Darja Stocker, die beide Szenisches Schreiben an der UdK Berlin studieren, ein Stück entwickelt: „Reicht es nicht zu sagen ich will leben“. Als Koproduktion von des Deutschen Nationaltheaters Weimar und des Centraltheaters Leipzig hat Nora Schlocker die Uraufführung im e-werk inszeniert, ihre letzte Arbeit als Hausregisseurin am DNT.

Steffi Wurster hat in den düsteren Maschinenraum einen hellen Holzsteg gebaut, der an einer Seite steil ansteigt und an dem ein Teil der Zuschauer wie an einem Tisch sitzt. Auf diesem Laufsteg schlüpfen drei Weimarer Schauspieler (Jeanne Devos, Markus Fennert, Hagen Ritschel) und drei Leipziger Mimen (Barbara Trommer, Carolin Haupt, Linda Pöppel) in die unterschiedlichen Leben: Den Wirtschaftsanwalt (Fennert), der in Obdachlosigkeit und Hartz IV abgestürzt ist, die Altenpflegerin (Trommer), die nur noch Körper wartet und verwaltet. Das ergibt zunächst einen ganz spannenden Strom von Lebens(ein)sichten, Schicksalen, Denkweisen von Menschen, von denen jeder auf seine Art mit dem System kämpft oder sich darin einrichtet; einiges, wie der „überflüssige Arbeiter“, hat deutlich Wende-Bezug. Doch in der zweiten Hälfte des zweistündigen Abends kippt das Stück völlig. Man beißt sich am Thema Asylanten und deren Behandlung in unserem Land fest. Nicht mehr Lebens-Stücke, sondern Klischees wandern über den Steg, wie aus einer Betroffenheitsfibel werden alle scheinbar nötigen Punkte abgehakt: Asylanten und Aufpasser, Verschleierung, Lager, Demonstrationen, Widerstand, natürlich fehlt auch das Stich- und Reizwort „Sarrazin“ nicht. Diese zweite, gefühlt doppelt so lange, Hälfte ist leider mehr Seminar als Theater.

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